Kritische Astrologie - Das Land und seine Macht über unser Leben

Echte Erde und ominöse Freiräume

Kolumne Von

Unter dem Titel »Verlasst die Städte« erzählte die Autorin Charlotte Roche im Magazin der Süddeutschen vor kurzem einen alten Bauernschwank, der mit ihrem Umzug aufs Land zu tun hatte: »Der Indianer in mir vermisst echte Erde unter den Füßen. Die Bäume in der Stadt sind eingemauert oder umgeben von Asphalt. Nachts sieht keiner Sterne. Da fehlt dann die Demut vor dem Universum, denn wir denken: Wir sind der Sternenhimmel, wir leuchten mehr als die Sterne. Aufm Land, immer wenn ich draußen bin im Dunkeln, gibt’s diesen kurzen Blick zum Himmel, ich werde klein, unbedeutend, ich verstehe das große Weite nicht, das ist nur eins von vielen Universen. Bäm im Kopf!«

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Dieser Artikel zog prompt auch einigen Spott auf sich, großangelegte Essays verteidigten die Würde des Städters, unter anderem Houssam Hamade, der in der Taz die Stadt feierte als den »Ort, an den Leute ziehen, die etwas verändern wollen«: »Sie erfinden neue Tanzstile oder setzen goldglitzernde Basecaps auf.« Leider werden diese wichtigen Veränderungen durch böse Mächte verhindert: »Die Möglichkeiten dazu werden uns derzeit zunehmend wegverwertet. Markt- und Geldideologen machen die urbane Öffentlichkeit kaputt, indem sie Freiräume zerstören.«

Da hat man also zweierlei Formen, aus der Stadt zu fliehen: Man zieht aufs Land und sagt dort Fuchs und Hase gute Nacht, oder man verbar­rikadiert sich in ominösen Freiräumen, nach denen allerdings schon die gierigen Krallen der Ideologen greifen, die vermutlich wiederum auf dem Land sitzen. Schlimm stünde es, sollte sich einmal herausstellen, dass die Geldideologen ebenfalls in der Stadt leben, ja vielleicht sogar nur die Bedürfnisse all jener bedienten, die da mit niemals nachlassender Inbrunst Tanzstile verändern. Viel wäre hingegen gewonnen, wenn die Leute nicht ständig versuchten, sich ihren jeweiligen tristen Aufenthaltsort, der ja meist doch nur ökonomischen oder Statusmotiven geschuldet ist, mit Indianern oder Glitzer schönzureden.

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