Homestory

Homestory #25

Winter is coming. Sie werden jetzt vielleicht sagen: »Ihr Schnarchnasen, der ›Game of Thrones‹-Kult ist doch schon längst passé. ›Westworld‹ ist der neue heiße Scheiß!« Aber die Herzen einiger Redakteure füllt das archaische Motto der Starks nun wieder mit Schrecken. Denn sie haben den letzten Platz im Gebäude verloren, an dem sie noch rauchen durften: das Treppenhaus. Anweisung der Hausverwaltung, Widerspruch zwecklos. Also ab in den Hinterhof. Ist ja derzeit kein Problem, mag die Begrünung auch spärlich und die Aussicht auf die schmucklosen Wände trist sein. Doch trotz Klimawandel – die Kälte wird zurückkommen.

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Einen gewissen Trost spendete das Wiederaufleben der Jungle-Kantine. Es gab grüne Soße an Pellkartoffeln und Ei. Etwas Hessisches also. Denn, wurzelloser Kosmopolitismus hin oder her, so ganz können die Kolleginnen und Kollegen ihre Stammesherkunft nicht verleugnen. Der Hamburger liebt seinen Matjes, der Schwabe seine Spätzle. Die Welt wäre ein besserer Ort, würde sich der Tribalismus, in Deutschland vornehm Föderalismus geheißen, auf den multikulinarischen Wettbewerb beschränken.

Aber leider geht es nicht überall so aufgeklärt zu wie in der Redaktion Ihrer Lieblingszeitung, derzeit meinen die bayerischen Häuptlinge, sie müssten mal wieder am Rad drehen. Gehört Bayern überhaupt zu Deutschland? Oder gehört Deutschland bald zu Bayern? Einer der älteren Redakteure erinnert sich nostalgisch der tribalistischen Scherze der siebziger Jahre. »Atombombe in Bayern explodiert. 72 Mark Sachschaden«, witzelte der Ostfriese Otto Waalkes. Jedem außerhalb Bayerns war damals klar, dass die Aufstellung eines CSU-Kanzlerkandidaten eine Garantie für die Niederlage bei der Bundestagswahl war.

Aber man kann sich ja auf nichts mehr verlassen, also leider auch nicht darauf, dass sich die Geschichte nun als Farce wiederholen wird. Wobei sie eigentlich schon damals eine war. Der Tribalismus in Deutschland – gibt es eigentlich noch Ostfriesenwitze? – hat seinen Charme weitgehend verloren, weil niemand mehr damit zufrieden ist, dass die Welt seine Absonderlichkeiten belustigt zur Kenntnis nimmt. Man möchte bewundert und nachgeahmt werden, zudem hat eine dicke Schicht des Preußentums alles überlagert.

So konkurriert Hamburg, dem traditionellen Anspruch nach eine liberale und weltoffene Stadt, in Sachen polizeilicher Härte recht erfolgreich mit Bayern, und natürlich sollen alle das nachahmen.

Darüber diskutiert die Jungle World in Hamburg im Polittbüro am 27. Juni ab 20 Uhr mit Christiane Schneider, Andreas Blechschmidt, Tina Fritsche und Gaston Kirsche.

Labskaus wird nicht serviert.