Homestory

Homestory #26

Das Fußballfieber vergangener Weltmeisterschaften hat die Redaktion bislang noch nicht erfasst und wird sich vermutlich auch nicht mehr einstellen. Es gibt keinen Live-Beamer, nicht mal ein Fernsehgerät läuft in irgendeiner Ecke, WM-Deko in Gestalt von Pappmaché-Pokalen gibt es nicht. Es kommt auch niemand auf die Idee, im blauweißen Argentinien-Trikot zur Arbeit zu erscheinen, Lieblingsmannschaften kristallisieren sich ebenfalls nicht heraus. Vorbei die Zeiten des Sommermärchens, als kollektives Spieleschauen wichtiger als Redaktionsschlüsse war, Würstchen bei offenem Fenster auf dem eigentlich nur für den Außenbereich zugelassenen Grill gebrutzelt wurden, so dass eine in Kreuzberg weithin sichtbare Dunstwolke aus den Fenstern der Redaktionsgebäudes quoll, und jemand – natürlich nur in parodistischer Absicht – in ­einem schwarzrotgoldenen Trikot und strammer Fan-Bemalung im Büro erschien.

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Das alles haben wir nicht. Was es aber immerhin gibt, ist ein hausinternes Tippspiel, bei dem elf Redaktionsmitglieder mit einem bescheidenen Wetteinsatz von zwei Euro um den Titel des Tipp­königs der Jungle World konkurrieren. Der Tippkönig wird sich am Ende also über die gigantische Summe von 22 Euro freuen können, womit man zum Beispiel bei der BVG eine Kleingruppen-Tageskarte im Tarifbereich ABC kaufen kann und sogar noch 1,20 Euro Restgeld zurückbekommt. Oder man verjubelt seinen Gewinn in einem der vielen Berliner Freizeitbäder. Ersteht man für sich und eine Begleitperson eine Tageskarte à zehn Euro, bleiben sogar noch zwei Euro für ein stilles Mineralwasser am Abend. Aber Vorsicht! Das alles gilt natürlich nur dann, wenn das Tippspiel am Ende keine weiteren Gewinner kennt. Sollte es zwei oder mehrere Tippkönige mit gleicher Punktzahl geben, müssen die glücklichen Gewinner entsprechend kürzer treten.

Für Diskussionen sorgte in der Redaktion die Frage, ob man eventuell auch den Zweit- und Drittplatzierten oder gar den Vierten, Fünften, Sechsten und so weiter in die Gewinnausschüttung einbezieht, was bei einem Gesamtvolumen von 22 Euro eventuell keine hinreichend attraktive Perspektive ist, jedoch den Vorteil hat, dass es basisdemokratischen beziehungsweise antikapitalistischen Grundsätzen besser entsprechen würde.

Vielleicht ist eine Art Kommunistenlotto auch die Geschäftsidee des Jahres: Wenn es mal mit dem Zeitungsmachen nicht mehr klappt, eröffnen wir auf der Gneisenaustraße ein solidarisches Wettbüro mit Gewinngarantie für alle. Außerdem mit Würstchen Grillen und Fußball-Live-Gucken. Könnte klappen.