Das Politische in der Unterhaltungsliteratur von Annemarie Selinko

Puderdose und Stellungnahmen

Annemarie Selinko gilt im Nachkriegsdeutschland als unpolitische Unterhaltungsschriftstellerin. Dieses Bild der Erfolgsautorin bedarf gewisser Korrekturen.

Als dritter Roman von Annemarie Selinko erschien 1940 »Heute heiratet mein Mann«, das erste Buch, das »mit dem inneren Knacks«* geschrieben wurde, den die Ereignisse von 1938 verursachten. Sie habe mit Zwang versucht, »wieder ein heiteres Buch zu schreiben. Nur in ein paar flüchtigen Stellen deute ich die Dinge an, um die es uns geht. Diese Stellen sind für die Handlung ganz unwichtig, die hab ich nur zu ganz privater Erleichterung und vor allem zwecks Stellungnahme geschrieben. Denn – die Stellung muss heute ein für allemal klargelegt werden.«

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Tatsächlich sind diese »Stellungnahmen« für den Roman keineswegs unwichtig. An der Oberfläche ist es die Geschichte einer jungen Frau, die ihren geschiedenen Ehemann – nicht ganz zufällig nach der überstandenen »Kinderkrankheit« Scharlach – zurückerobert und ein zweites Mal heiratet. Doch hineinverwoben sind zahlreiche Passagen, die den Verlust der österreichischen Heimat, die Sorge um zurückgebliebene Angehörige und die Verzweiflung über die poli­tischen Entwicklungen verhandeln. Zum Gang der Handlung tragen diese Einschübe vielleicht wenig bei, für die Grundierung der Situation und die Charakterzeichnung der Hauptfigur Thesi (Maria Theresia) aber sind sie zentral.

Denn dass Thesi nach der Scheidung von ihrem Mann, dem dänischen Architekten Sven, in Kopen­hagen bleibt und sich mit Modezeichnungen über Wasser zu halten versucht, hat nur damit zu tun, dass es ihre Heimat eben nicht mehr gibt. »Versunken, wegradiert von der Landkarte.« Durch ihren Beruf und auch um sich abzulenken, versucht Thesi zumindest als Zaungast »am mondänen Privatleben der Kopenhagener« teilzuhaben, das sie mit liebevoller Ironie und viel Humor schildert. So lernt sie den englischen Adeligen Gary kennen, der in den Internationalen Brigaden in Spanien gekämpft hat, und den amerikanischen Kriegsberichterstatter John, in den sie sich beinahe verliebt.

Im Roman wird Thesi einmal unterstellt, sich nicht für Politik zu interessieren. Doch dieser Vorwurf geht an der Österreicherin, der eine Rückkehr in die Heimat abgeschnitten ist, vorbei. Wie der ehemalige Spanien-Kämpfer weiß sie aus eigenem Erleben, »wie das ist, wenn man verliert«, und sie sieht die bevorstehende Katastrophe um einiges deutlicher als ihre dänischen Freunde, denn sie hat den Krieg und seine Folgen selbst erlebt. Am Ende des Romans gelingt einem im Widerstand aktiven Freund die Flucht im Fischerboot nach Schweden, die Thesi und ihr Mann mitorganisieren helfen und decken. Es ist dieselbe Fluchtroute, die drei Jahre später Selinko selbst nehmen wird.

Angesichts der Zeitumstände verkaufte sich das Buch durchaus gut. Bereits im ersten Monat wurden 1 241 Exemplare abgesetzt. Selbst wenn für den heutigen Geschmack vielleicht etwas häufig Puderdosen gezückt werden und zu vieles hier »schrecklich« gut, krank oder schön sein mag, wie Selinko jedoch schräge Kommunikationssituationen – vor ­allem zwischen den Geschlechtern – beschreibt, kann heute noch überzeugen.

Selinko scheint mit der oberflächlichen Heiterkeit dieses in düsterer Zeit entstandenen Buchs nachträglich Schwierigkeiten gehabt zu haben. 1950 schilderte sie wie zur Rechtfertigung das Lob, das ihr in Malmö einige KZ-Überlebende ausgesprochen haben. Vielleicht hat Selinko 1957 das Abdruckhonorar des oberösterreichischen Tagblatt für diesen Roman auch deshalb der Rot-Kreuz-Hilfe für Flüchtlinge des Ungarn-Aufstands gespendet.

Nicht erst die deutsche Verfilmung von 1956 reduzierte die Handlung auf die Liebesgeschichte, schon für die dänische Verfilmung 1943 mussten, damals aus politischen Gründen, die Spuren der Zeithistorie wie Exil, Nationalsozialismus und Kriegsausbruch weitgehend getilgt werden. Nach 1945 wiederum war der Wunsch nach kollektivem Vergessen dominant, so dass auch die Rezensionen der 1950 im Verlag Neues Österreich erschienenen Ausgabe »auf den politischen Aspekt des Buches in keiner Weise« eingingen. Einzig Felix Hubalek wies darauf hin, dass zum Gelingen des Happy Ends nicht nur die Wiederverheiratung, sondern auch »die Politik in Gestalt des Widerstandskampfes« gehört. Auch als Kurt Hoffmanns Verfilmung 1956 in die heimischen Kinos kam, problematisierte eine Besprechung zumindest am Rande das Faktum der radikalen Enthisto­risierung durch zeitliche und örtliche Verlegung der Handlung.

2006 verfilmte Michael Kreihsl die Filmkomödie für den ORF neu; war 1956 zumindest das Thema Scheidung als Komödienstoff ungewöhnlich, ist »die neuerliche Adap­tion des Romans von Annemarie Selinko die größte anzunehmende Harmlosigkeit«, wie es in einer Rezension hieß.

Und unpolitisch rezipiert wurde eben auch Selinkos letzter und ­bekanntester Roman »Désirée«, die Lebensgeschichte der Marseiller Seidenhändlerstochter Eugénie Désirée Clary, die zunächst mit Napoleon Bonaparte verlobt ist, dann den Marschall Bernadotte heiratet, der später zum König von Schweden gewählt wird. Es ist ein historischer Roman, doch Selinko unterlegt vielen Szenen eine zweite Bedeutung, die bei Erscheinen 1951 eigentlich schwer zu überlesen war. Etwa die Umfärbungsaktion, als über Nacht die Revolutionskokarden von den Rockaufschlägen verschwinden wie 1945 die Parteiabzeichen, die dramaturgisch geschickt beschriebene Massenhysterie bei Napoleons Kaiserkrönung oder die Raffgier seiner Anhänger und das Fehlen jeglichen Unrechtsbewusstseins nach seinem Sturz. Vor allem aber ist »Désirée« Selinkos Hommage an ihr Exilland Schweden und an Folke Bernadottes Hilfsaktion für KZ-Opfer. Im September 1948, während der Arbeit am Roman, war Bernadotte als UN-Vermittler in Jerusalem ermordet worden.

* Zitiert nach: Franz Theodor Csokor: ­Zeuge einer Zeit. Briefe aus dem Exil

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Annemarie Selinko wurde 1914 in Wien geboren. Ihr Vater war Mitinhaber einer Modefirma. Die Familie war jüdischen Glaubens und konvertierte zum evangelischen Christentum. Nach dem Besuch der Grundschule und des Gymnasiums in Wien studierte Selinko einige Semester Sprachen und Geschichte an der Universität Wien, war dann als Journalistin tätig, unter anderem als Österreich-Korrespondentin für die französische Zeitschrift »L’Intransigeant«. Als sie 1937 den Roman »Ich war ein häßliches Mädchen« veröffentlichte, wurde sie auch international ­bekannt. Der Roman wurde in zwölf Sprachen übersetzt und verfilmt. Nach der Heirat mit einem dänischen Diplomaten 1938 lebte sie in Kopenhagen, Stockholm, Paris und London. »Heute heiratet mein Mann« erschien erstmals 1940 im holländischen Verlag für deutsche Exilliteratur Allert de Lange. Ihr Roman »Désirée« (1951) wurde als Weltbestseller in 25 Sprachen übersetzt und 1954 mit Marlon Brando und Jean Simmons verfilmt. Er ist ihrer Schwester Liselotte gewidmet, die von den Nazis ermordet wurde. Als im Zweiten Weltkrieg Dänemark von den Deutschen besetzt wurde, schloss sich Selinko der Widerstandsbewegung an und wurde 1943 für kurze Zeit von der Gestapo inhaftiert. Mit ihrem Mann konnte sie in einem Boot nach Schweden flüchten und arbeitete in Stockholm bei einer Nachrichtenagentur. Sie starb 72jährig in Dänemark.

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