Ein Porträt des niederländischen Widerstandskämpfers und ehemaligen Fußballstars Meijer Stad

Der Mann, der alles überlebte

Eigentlich wollte er bloß Fußball spielen: Meijer Stad, der nacheinander Erstligakicker, Leichtathlet, Widerstandskämpfer und Millionär wurde.

Ende März 1945 standen amerikanische Panzerverbände nur noch wenige Dutzend Kilometer vor Weimar und die Nazis setzten alles daran, die noch lebenden Zeugen ihrer Verbrechen für immer zum Schweigen zu bringen. Ein Gefangenentrupp, der in einem Außenlager des KZ Buchenwald Sklavenarbeit in einer Salzmine verrichtet hatte, wurde in einen Viehwaggon verfrachtet. Unter diesen Zwangsarbeitern befand sich auch Meijer Stad, ein niederländischer Widerstandskämpfer und ehemaliger Fußballstar.

Anzeige

Plötzlich blieb der Zug auf offener Strecke stehen, die SS-Wachen öffneten die Schiebetüren des Waggons und trieben die Gefangenen auf eine Wiese. Noch bevor Stad und seine Leidensgenossen realisierten, was da vor sich ging, ratterte ein Maschinengewehr los. Stad wurde von zehn Kugeln getroffen und sackte bewusstlos zusammen. Die SS verfrachtete die Leichen wieder in den Zug, um die Körper im Krematorium von Buchenwald zu verbrennen. Doch eine Leiche war noch gar keine.
1939 hatte der damals 20jährige Stad für den Rotterdamer Spitzenclub Xerxes gespielt. Einer seiner Teamkollegen dort war Faas Wilkes, der nach dem Krieg mit zwei Mitspielern den »goldenen Innensturm« der Holländer bildete und bis
heute als einer der besten Kicker aller Zeiten gilt.

Stad war Jude, doch er erzählte kaum jemandem davon. Als unehelicher Sohn einer jüdischen Mutter hatte er bereits genug Diskriminierung erfahren und deswegen behielt er seine Herkunft meist für sich. Kurz vor Silvester 1939 kehrte Stads christlicher Stiefvater von einer Geschäftsreise in die USA zurück und drängte die Familie, rasch nach Den Haag zu übersiedeln, da die Nazis demnächst Holland überfallen und dabei zuerst Rotterdam angreifen würden. Stad konnte nie herausfinden, ob sein Ziehvater in den USA an geheime Informationen gelangt war oder ob er nur eine Vorahnung gehabt hatte, aber die Prophezeiung trat ein. Am 10. Mai 1940 griff Deutschland die Niederlande an und am 14. Mai bombardierte die Luftwaffe Rotterdam. Die Innenstadt und mit ihr das jüdische Viertel wurden dem Erdboden gleichgemacht, fast 1 000 Menschen starben durch deutsche Bomben.

Die niederländische Armee kapitulierte und die deutschen Besatzer forderten alle Juden auf, sich als solche registrieren zu lassen. Der jüdische Teil von Stads Familie befolgte die Order in der Hoffnung, dadurch weiteren Repressalien zu entgehen. Meijer selbst ahnte jedoch, was da noch kommen sollte, und ließ sich mit der Hilfe eines Fußballfans im Amt einen Ausweis mit dem Nachnamen seines nichtjüdischen Stiefvaters ausstellen. Ab diesem Zeitpunkt hieß er »Meijer Bouwens« und war laut dem Dokument niederländischer Protestant. Eine kluge Entscheidung, denn schon bald begannen die Deutschen damit, jüdische Niederländer zu verhaften und in Konzentrationslager zu verschleppen.

Als Stad das mitbekam, schloss er sich dem Widerstand an und begann ein Doppelleben. Er hörte auf, für Xerxes zu spielen, und kickte fortan bei einem Drittligateam. Und er machte sich als Leichtathlet Meijer Bouwens einen neuen Namen in der Sportwelt. Nachts aber organisierte er sichere Häuser für verfolgte Juden, transportierte Geld und Dokumente quer durch das Land und besorgte Waffen und Munition. Unter den Juden, die Stad vor den Deutschen versteckte, waren auch die Großneffen von Albert Einstein.

1974 fragte ein Geschäftsfreund, ob Stad nicht einen Platz in einem holländischen Verein für ein argentinisches Kickertalent finden könne. Alle lehnten ab. Der Name des argentinischen Fußballers? Diego Maradona.

Der niederländische Widerstand war durchaus militant und wie jeder ernsthafte Untergrundkampf verlief auch seiner hart und brutal. Stad, selbst für einen Sportler ungewöhnlich fit, beteiligte sich an Überfällen auf Waffenlager und Warenhäuser, betätigte sich am Schwarzmarkt und knüpfte dabei Kontakte zu unpolitischen Kriminellen, liquidierte Kollaborateure, tötete persönlich mehrere Besatzungssoldaten – und startete nebenher bei den niederländischen Leichtathletikmeisterschaften. Einmal trafen er und einige Mitkämpfer in Amsterdam auf eine Gruppe betrunkener Wehrmachtssoldaten. Stad und seine Leute prügelten die Deutschen bewusstlos und warfen sie in einen Kanal, wo sie ertranken.

Kurze Zeit arbeitete Stad mit dem berüchtigten Friedrich Weinreb zusammen, einem aus der Schweiz stammenden jüdischen Gelehrten und Kabbalisten, der sich in Holland niedergelassen und dort ein Geschäftsmodell der besonders amoralischen Sorte entwickelt hatte: Er versprach Juden im Austausch für Devisen, ihre Deportation zu verhindern. In Wahrheit gab Weinreb die Verstecke der Juden an die Nazis weiter und behielt die Dollars und Franken für sich. Als Meijer Stads Widerstandszelle eines Nachts eine Jüdin zu einem von Weinreb organisierten »sicheren« Haus bringen wollte, bemerkte sie gerade noch rechtzeitig, dass das Gebäude bereits von der Gestapo umstellt war. Stad brach daraufhin jede Zusammenarbeit mit Weinreb ab und arbeitete an einem Plan, den Kollaborateur zu töten, doch dazu ergab sich keine Gelegenheit. Nach dem Krieg wurde Weinreb aufgrund vieler Zeugenaussagen von Überlebenden als Verräter verurteilt, kam jedoch mit einer dreijährigen Gefängnisstrafe davon.

Im Frühling 1944 verliebte sich die Gattin eines anderen Widerstandskämpfers in Stad, doch der ließ sie abblitzen. Die düpierte Frau ging direkt zu den Deutschen und verpfiff Stad. Sein Glück: Weder die verschmähte Frau noch die deutschen Schergen wussten, dass er Jude war. So bekam Stad »nur« die für Widerstandskämpfer übliche Behandlung. Er wurde tagelang gefoltert und dann ins KZ Herzogenbusch überstellt. Dabei hatte er wieder Glück im Unglück, denn viele Mitglieder der holländischen Resistance wurden direkt nach ihrer Verhaftung in umliegenden Wäldern erschossen und verscharrt.

Im KZ konnte Stad zunächst der schlimmsten Behandlung entgehen, indem er zur Belustigung der Wärter im Fußballteam der Häftlinge mitspielte, doch schon nach wenigen Wochen wurde er nach Bergen-Belsen deportiert und von dort schließlich nach Buchenwald, wo er in einer Salzmine schuften musste und schließlich kurz vor der Befreiung des Lagers von Maschinengewehrfeuer schwer verwundet wurde. Als er wieder zu sich kam, lag er im Lazarett des Lagers. Gefangene, die die Leichen verbrennen mussten, hatten bemerkt, dass eines der von Kugeln zersiebten Opfer noch atmete. Sie tauschten Stads Körper mit dem eines toten KZ-Häftlings, damit die penibel zählenden Wärter nichts merkten, und baten einen französischen Mithäftling, der Chirurg war, sich um Stad zu kümmern. Der entfernte zehn Kugeln aus seinem Körper. Als Stad wieder zu sich kam, lag er neben einem belgischen Gefangenen im Lazarett. Der sagte zu ihm: »Ich werde sterben, aber du wirst überleben, und später wirst du immer glücklich sein, denn nichts, was dir noch widerfahren wird, wird jemals so schlimm sein wie das KZ.«

Der Belgier hatte nur zum Teil recht. Stad überlebte seine schweren Verletzungen und konnte nach der Befreiung Buchenwalds nach Holland zurückkehren. Dort spielte er nie wieder Fußball, blieb dem Sport aber ein Leben lang verbunden. Er gründete eine Werbeagentur und brachte es zum mehrfachen Millionär. Seine große Leidenschaft blieb der Fußball.

1974 sagte ihm ein argentinischer Geschäftsfreund, er kenne einen sehr talentierten Nachwuchsspieler, und fragte, ob Stad nicht einen Platz in einem holländischen Verein für den 15jährigen finden könne. Stad trainierte damals ein Frauenfußballteam, das das Gelände des FC Den Haag benutzen durfte. Er sah sich den Spieler an und versuchte, ihn unter anderem bei Sparta, Feyenord und eben dem FC Den Haag unterzubringen. Alle lehnten ab. Der Name des argentinischen Fußballers? Diego Maradona – ein Jahrzehnt später der beste Fußballer der Welt.

Nach außen hin gab sich Stad bis zum seinem Tod im Jahre 2005 stets optimistisch und humorvoll, doch was er erlebt hatte, hatte Spuren hinterlassen. Er litt seit 1945 an Schlafstörungen, führte ständig eine Schusswaffe mit sich und hortete Geld auf Konten in aller Welt, um im Fall der Fälle rasch fliehen zu können. Die Einladung, bei Gedenkfeiern zur Befreiung der Niederlande zu sprechen, lehnte Stad mehrmals ab. Seine Begründung: »Ich gedenke jeden Tag dessen, was geschehen ist. Und ich habe nicht vergessen, dass Holland die höchste Zahl an Kollaborateuren und Nazisympathisanten aller westlichen besetzten Staaten hatte, so wie ich auch nicht vergessen habe, wie mein Land mit mir und anderen Überlebenden umgegangen ist.«