Das Medium - Bunte Textprogramme

Never Change a Running System

Kolumne Von

Wo ist die Funktion hin, die die Zeichen zählt? Und was machen diese hässlich eingefärbten, kleinen Icons da oben am Rand? Zu den unverschämtesten Unverschämtigkeiten, die sich Softwaredesigner einfallen lassen, gehört, dass sie wunderbar funktionierende Textprogramme nicht einfach in Ruhe lassen, auf dass die Benutzer mit ihnen in Ruhe alt werden können. Nein, es muss partout daran herumgefrickelt, ihnen ein anderes Aussehen verpasst und hier ein Kinkerlitzchen eingefügt und da ein Dings dazugepackt werden. Und weil man schon so schön dabei ist: Wäre das nicht eine tolle Idee, ein paar etablierte Funktionen einfach irgendwo zu verstecken, wo sie garantiert niemand findet? Und so sitzt man eines Tages da und hat es sehr eilig mit der Schreiberei wegen der Deadline und macht das Textprogramm auf und muss zunächst fassungslos auf das sich darbietende Elend starren.

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Denn aus der gewohnt schlichten weißen Seite mit ein paar Symbolen drüber ist plötzlich ein buntes Gesamtkunstwerk geworden. Unter dem blauen Landschafts-Icon mit dem verwirrenden Namen »Media« gibt es jetzt eine Funktion, mit der man nun beispielsweise Fotos, Filme und Musik in den Text einbinden kann, unter »Shape« findet man geometrische Formen, und mit einem Klick auf »Chart« wäre es möglich, sehr bunte Diagramme in 2D oder 3D zu erstellen, was ja alles gar nicht schlecht ist, aber wo ist die verdammte Funktion, um die Zeichen zu zählen? Nicht da. Dafür befindet sich rechts neben der Schreibfläche nun ein ausführliches Menü mit viel Scheiß, den man gar nicht braucht. Es ist riesig und bunt und deswegen muss man drauf­gucken, weil es ja vielleicht doch sein könnte, dass sich irgendetwas Nützliches darin verbirgt, wie ein Deadline-Countdown oder eine Zeichenzählfunktion. Tut es nicht. Na danke.