Kritische Astrologie - Das Ende von Hartz IV und seine Macht über unser Leben

Das Ende von Hartz IV steht weiter in den Sternen

Kolumne Von

Zu den wichtigsten Fähigkeiten des Menschen gehört es, zu verzeihen, zu vergeben und zu vergessen. Das wissen wir, gerade als Deutsche. Ohne den unerbittlichen Vergebens- und Vergessenswillen der Restwelt könnten wir heute längst nicht so herrlich auftrumpfen und belehren, wie wir es so gerne tun, wären sehr viel stärker mit uns im Unreinen und bräuchten andauernd Therapie.

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Umso schöner, dass die Sozial­demokratie in diesen Tagen, etwa sieben Prozentpunkte vor ihrem endgültigen Tod, noch einmal, vielleicht zum letzten Mal, ein mögliches Ende von Hartz IV in Aussicht gestellt hat, gar von »Überwindung« spricht. Hierin ähnelt sie dem greisen Familienpatriarchen, der nach Jahrzehnten der Schikane und der Tyrannei plötzlich das Gespräch und die Aussöhnung mit den Erben sucht – freilich nur, um mit erleichtertem Gewissen Richtung Jenseits durchzustarten. Auch das Angebot der Sozialdemokratie ist ein rein symbolisches: Da die SPD grundsätzlich keine Koalitionen mehr eingeht, in denen sie ihre Vorschläge durch­setzen kann, hat sie etwas Spukhaftes; regiert, ohne zu regieren, sehnt sich wie das Schlossgespenst scheinbar nur mehr nach Erlösung.

Selbstverständlich will aber strukturell niemand irgendetwas ändern, es geht mal wieder bloß ums Image beziehungsweise neue Namen, ­Daten und Fristen. Die Alten, die sich noch an Zeiten vor Hartz IV erinnern, kriegen eine Lebensleistungsrente hinterhergeworfen; die Jungen dürfen nicht mehr unters Existenzminimum gepfändet werden, was ohnehin verboten war. Außerdem sieht man jetzt öfter wieder Gerhard Schröder in der Zeitung, und Sigmar Gabriel kann auch mit einem Comeback drohen, ohne dafür aufs Maul zu kriegen, so dass man schon sehr genau ahnen kann, wie tief der Karren SPD im Mist steckt. Das Gespenst Sozialdemokratie tut so, als sei es der traurige Schlossgeist von Canter­bury, während es in Wirklichkeit das x-te Comeback der Mörderpuppe Chucky ist.

Die SPD braucht keine Erlösung, sie braucht einen Exorzisten.