Der Regionalligist FC Viktoria 1889 Berlin muss Insolvenz anmelden

Profifußball mit Amateurvereinen

Ein zweites Hoffenheim oder RB Leipzig wollte der FC Viktoria 1889 Berlin werden – nun musste der Regionalligist Insolvenz anmelden, so wie die ehemaligen Bundesligisten Wuppertaler SV und Wattenscheid 09.

Anfang Dezember platzte die Bombe: Der Berliner Viertligist FC Viktoria 1889 meldete beim Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz an. Noch im Mai hatte der Club stolz seine Kooperation mit einem Investor aus Hongkong präsentiert, der in den kommenden Jahren eine hohe zweistellige Millionensumme bereitstellen wollte. Diese Kapitalanlage sichere die Zukunft des Vereins und ermögliche eine langfristige Planungssicherheit, sagte der Geschäftsführer Felix Sommer damals. Bild berichtete, dass die Advantage Sports Union (ASU) in den nächsten zehn Jahren rund 90 Millionen Euro zur Verfolgung »höherer sportlicher Ziele« investieren wolle. Die Ausgliederung des Profibereichs sei bereits beschlossene Sache.

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Mehr als ein Dutzend neuer Spieler verpflichtete die Führung des Vereins im Berliner Süden, einige spielten zuvor sogar in der ersten oder zweiten Bundesliga, beispielsweise Petar Slišković (1. FSV Mainz 05), Christoph Menz (1. FC Union Berlin) und Jürgen Gjasula (FSV Frankfurt). »Das war alles abgesprochen«, so Vorstandsmitglied Harald Sielaff. »Wir haben ja jetzt nicht irgendwie geisteskrank Spieler verpflichtet.« Vielmehr sei jede Spielerverpflichtung mit dem chinesischen Investor, der auch Mehrheitsanteile am französischen Erstligisten OGC Nizza hält, abgesprochen gewesen.

Laut Daniel Weimar, Sportökonom an der Universität Duisburg-Essen, hat »die Einführung der dritten Liga zu einer signifikant höheren Insolvenz­wahrschein­lichkeit geführt«.

Mitte November jedoch war es vorbei mit dem Geldsegen aus Hongkong. »Von heute auf morgen« wurden die Zahlungen Sielaff zufolge eingestellt. In seiner Mitteilung bedauerte der Verein, dass »die ASU ihre Verpflichtungen ohne Nennung von triftigen Gründen nicht einhält, vereinbarte Zahlungen nicht geleistet hat und auch zukünftige Zahlungen ablehnt«. Dieser Schritt sei für die Vereinsführung völlig überraschend gekommen, zumal Viktoria zu diesem Zeitpunkt alle »notwendigen Schritte und Maßnahmen zur Ausgliederung in eine Kapitalgesellschaft abgeschlossen« und »sich auch der sportliche Erfolg eingestellt« habe. Wegen des Insolvenzantrags wurden dem Klub neun Punkte ab­gezogen.

Über 100 Fußballvereine aus den obersten fünf Ligen haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Insolvenzantrag gestellt. Aus den Bundesligen betraf dies bisher nur zwei Vereine: Waldhof Mannheim und SSV Ulm. Zu den meisten Insolvenzen kam es ab der dritten Liga abwärts. In der laufenden Saison manövrierten sich neben dem zweifachen deutschen Meister Viktoria Berlin auch die ehemaligen Erstligisten Wattenscheid 09 und Wuppertaler SV aus der Regionalliga West in eine finanzielle Notlage. Neben den überambitionierten Plänen der jeweiligen Vereinsführung halten Experten vor allem den Umbau des Ligensystems vor zehn Jahren für ausschlaggebend. Laut Daniel Weimar, Sportökonom an der Universität Duisburg-Essen, hat »die Einführung der dritten Liga zu einer signifikant höheren Insolvenzwahrscheinlichkeit geführt«. Nach nur drei Jahren habe er schon »deutlich mehr Insolvenzen« registriert, so der Wissenschaftler.

Seit 2017 meldeten insgesamt sechs Vereine Insolvenz an. Nur drei davon stehen wirtschaftlich wieder passabel da: KSV Hessen Kassel, FSV Frankfurt und VfR Aalen. Maßgeblich für die Rettung waren die Austragung von Freundschaftsspielen gegen höherklassige Vereine, der Verzicht von Gläubigern auf ihre Ansprüche und Crowdfunding durch Fans. So auch im Fall des Wuppertaler SV: Nach Angaben des Vereins kamen innerhalb von zwei Wochen allein durch Spenden und eine Crowdfundingaktion mehr als 260 000 Euro zusammen. Der ehemalige Bundesligist konnte, trotz Fanprotesten gegen das Finanzgebaren der Vereinsführung unter dem Motto »Lieber Insolvenz als diese Inkompetenz«, sein selbst gesetztes Ziel von 100 000 Euro deutlich übertreffen. Auch den ehemaligen Spieler Tobias Damm, mittlerweile Co-Trainer des KSV Hessen Kassel, verwunderte nicht, dass der Verein Finanzprobleme hat. »Ich habe mich schon gefragt, von welchem Geld sich die Wuppertaler eigentlich so viele Investitionen leisten können«, sagte der frühere Stürmer der Zeitung Hessische Niedersächsische Allgemeine. »Wenn der Vorstand keinen finanziellen Überblick mehr hat, steht man am Ende mit leeren Händen da«, so Damm. Dann müssten wieder einmal die Sponsoren und die Fans den Verein retten. Deshalb solle ein Klub in solchen Situationen »vor allem mit teuren Transfers sensibel umgehen«, rät der ehemalige Bundesligaspieler des FSV Mainz 05.
Das Engagement seiner treuen Anhänger rettete vorerst auch die SG Wattenscheid 09. Tausende Fans und ein kräftige Finanzspritze des Aufsichtsratsvorsitzenden Oguzhan Can sorgten dafür, dass die zur Ab­sicherung der Restsaison benötigten 350 000 Euro zusammenkamen.

Überraschend präsentierte der Regionalligist im Rahmen seiner Rettung auch einen neuen Partner. Die Spieler der ersten Mannschaft tragen nun den Schriftzug eines sächsischen Online-Unternehmens auf ihren Trikots. »Wir sind mit dem Kicker-Sonderheft groß geworden und haben an jedem Spieltag die Stecktabelle aktu­alisiert. Und da war in unserer Kindheit auch Wattenscheid 09 dabei. Wir freuen uns, jetzt mit so einem Traditionsverein zusammenzuar­beiten«, sagten die beiden Besitzer des Unternehmens, Aleksandr und Jewgenij Borisenko, über den Deal.

»In der Regionalliga muss man mehr Geld ausgeben, als man einnehmen kann«, kritisierte Can in einem Interview mit dem WDR. »Wir werden Verein geschimpft, aber gegenüber dem Finanzamt sind wir das nicht. Wir werden behandelt, als wären wir ein Unternehmen. Berufsgenossenschaft, Sozialabgaben – das müssen wir alles bezahlen.« Vor der Saison hatte der Immobilienunternehmer noch angekündigt, mit Wattenscheid »perspektivisch die Rückkehr in den Profifußball« anzustreben.

Dank diverser Sponsoren, unter anderem ein neuer Trikotsponsor, konnte Viktoria Berlin ebenfalls den Spielbetrieb bis zum Saisonende ­sichern. Kaum war diese Nachricht bekannt geworden, folgten bereits die ersten Meldungen über prominente Neuverpflichtungen des Berliner Clubs. So sicherte sich der Verein die Dienste von Timo Gebhart und Okan Aydin – beide Akteure spielten jahrelang in höherklassigen Ligen.

Mit Beendigung der Insolvenzverfahren sind die Turbulenzen in den höchsten deutschen Amateurklassen jedoch längst nicht vorbei. Anfang Februar berichtete die Magdeburger Volksstimme von einem möglichen Manipulationsskandal. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin leitete ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Spielmanipulation ein und gab es mittlerweile an die Staatsanwaltschaft Magdeburg ab. Der Vorwurf richtet sich gegen den Sportdirektor des Regionalligisten Germania Halberstadt, Andreas Petersen, Vater des Freiburger Nationalspielers Nils Petersen. Er soll vor der Partie gegen den SV Babelsberg im November den Versuch unternommen haben, einige Spieler des Potsdamer Vereins zu bestechen. Gegenüber den Potsdamer Neuesten Nachrichten bestätigte Petersen, vor dem Spiel den ehemaligen Germania-Spieler Tom Nattermann kontaktiert zu ­haben, bestreitet aber jegliche Manipulationsvorwürfe. »Man will den Gegner etwas locken, etwas verunsichern. Ein Jux«, lautete Petersens Rechtfertigung.
Kurz darauf wurde bekannt, dass der Spitzenreiter der Regionalliga Nordost, der Chemnitzer FC, dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) ebenfalls einen Manipulationsversuch gemeldet hat. Ein chinesischer Sportvermarkter hatte sich demnach Ende November zunächst eine freie Loge im neuen Stadion an der Gellertstraße angeschaut. Im weiteren Verlauf des Gespräches soll der potentielle Sponsor nach »sicheren Siegen« gefragt haben – für diese würde es 60 000 Euro zusätzlich ­geben. Die Vereinsführung betrachtete dieses Angebot als Umschreibung für Spielmanipulationen. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz hat ­Ermittlungen aufgenommen.