Das neue Album der Band Die Regierung

Er hat was zu sagen

Ein Porträt von Tilman Rossmy, Sänger der Band Die Regierung, deren neues Album »Was« gerade erscheinen ist.

Als Tilman Rossmy 1958 in Essen im Ruhrgebiet geboren wird, ist die Bevölkerungszahl der von Stahlindustrie und Bergbau geprägten Stadt innerhalb einiger Jahre rapide angestiegen. Wer hierher kommt, möchte einen sicheren Arbeitsplatz. Diese Sicherheit verleiht sowohl den neuen als auch den alten Einwohnern ihr Selbstbewusstsein oder lässt sie zumindest die Fassung wahren. Hier weiß jeder, was er will, und so entsteht eine Mentalität, geradeaus Dinge anzusprechen. Auch der junge Tilman Rossmy wächst in Essen in dem Bewusstsein auf, etwas zu sagen zu haben. Aber er hat das mulmige Gefühl, dass es in seinem Fall schwierig werden könnte, Menschen zu finden, die es hören wollen.

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Rossmy hat auf der neuen Platte seiner Band Die Regierung, »Was«, in dem rockigen Lied »Was Besseres« sanfte Zeilen für dieses Gefühl gefunden: »Und wenn die Schönheit dein Herz berührt/Und du merkst, du kannst es mit niemandem teilen/Dann ist das nicht leicht, und du brauchst Jahre, um das zu verstehen«.

Immer wieder kommt Rossmy in seinem Songwriting auf seine Kindheit zurück, auch wenn das bedeutet, ein zweites Mal angsteinflößende, grauenvolle Zustände zu durchleben.

Das Bedürfnis, Menschen zu begegnen, mit denen sich die Schönheit teilen lässt, meldet sich während Rossmys Jugend und wird von Jahr zu Jahr stärker. Mit 16 hat er keine Geduld mehr, unter seinen Mitschülern findet er sie in jedem Fall nicht. Er geht von der Schule ab und unternimmt Entdeckungsreisen zwischen Bahnhof und Park, wo er sich mit Dandys, interessanten Käuzen, sanften Drogenkonsumenten und charmanten Blendern unterhält. Das ist neu und manches Mal auf­regend, kostet aber so viel Kraft, dass Rossmy nach einer Weile schon das schiere Sprechen als anstrengend empfindet. Er zieht sich in eine kleine Wohnung in einer unauffälligen Gegend zurück, stellt das Reden ein und sieht und trifft niemanden mehr.

Was dann passiert ist, beschreibt er jetzt in der lasziven Ballade »Geschichte«. Erst hörte er auf, »zu essen und zu schlafen«. Dann begann er, »zu laufen, Tag und Nacht«, bis er »barfuß im Schnee« aufgelesen und in eine psychiatrische Klinik gebracht wurde.

Aus dem Krankenhaus wird Rossmy mit einer für ihn aufwühlenden Erkenntnis entlassen: Um die Schönheit mit anderen zu teilen, lässt sich mehr tun, als nur Ausschau nach ­ihnen zu halten. Stattdessen kann er die Voraussetzungen für solch eine Zusammenkunft selbst schaffen, und zwar mit Musikinstrumenten. Hier mit einer Gitarre und einer Handvoll Akkorde, die er greifen kann, oder dort mit einem Korg MS-20, einem damals beliebten Synthesizer, sowie etwas Zeit, um sich mit dessen Funktionsweisen vertraut zu machen.

Rossmy schreibt Lieder, und nach einer Weile ergibt sich tatsächlich das erste von vielen erhofften Gesprächen mit dem Journalisten Arthur Schilm, der für ihn eine Band organisiert. Mit dabei ist Robert Lipinski, ein Sozialarbeiter, der Menschen bei ihrem Weg ins Erwerbsleben hilft. Als Bassist steigt er bei Die Regierung ein. Zwei Tage lang gehen sie in ein Studio. Dort nehmen sie furiosen Gitarrenkrach und dazu ein Geschrei auf, das klingt, als würden sich verstorbene Ureinwohner versunkener Kontinente lautstark über ihren Tod echauffieren. Der so klingenden Platte »Supermüll« verfallen sehr schnell einige Kritiker.

Anfang der Neunziger zieht Rossmy nach Hamburg. Hier findet er nicht nur die auf »Supermüll« geforderte, für ihn »neue Szene« (und nebenbei auch ein Plattenlabel), er fasst auch den Mut, sich selbst als Material aufzufassen. Immer wieder kommt er in seinem Songwriting auf seine Kindheit zurück, auch wenn das bedeutet, ein zweites Mal angsteinflößende, grauenvolle Zustände zu durchleben. Auf dem E-Piano gespielte Töne, die plätschern wie Wassertropfen, hört man, während der Achtjährige in »Jedes Kind« Todesangst spürt: »Dann sehe ich diesen riesengroßen Stein/Der auf mir liegt und mich zerdrückt/Und ich rufe um Hilfe/Mutter, Vater, Hilfe/Aber niemand kann diesen Stein sehen, außer mir«.

Rossmy findet in Hamburg Worte dafür, wie es ist, sich das Herz zerreißen zu lassen und gleichzeitig fast den Verstand zu verlieren. So lange, bis es sich nicht mehr aushalten lässt und nur noch der Wunsch übrig bleibt, dass das Herzzerreißen und das Verstandverlieren enden möge.

Manche seiner Songs avancieren zu Szeneklassikern, darunter »Das Geräusch, das mein Herz macht« und »Loswerden«. Im erstgenannten soll das titelgebende Geräusch aufhören, im zweiten eine Beziehung. Für seine lakonische, nüchterne Art, singend von Niedergeschlagenheit zu erzählen, wird Rossmy von Labelbetreibern und Musikern mit offenen Armen empfangen. Wie das vor sich ging, beschreibt er in einem weiteren neuen Lied, »Vielleicht in Hamburg«, am Beispiel eines Kneipen­abends, der musikalisch so viel Drive hat wie »The Passenger« von Iggy Pop: »Nach Mitternacht gehe ich in den Sorgenbrecher/Viele Leute, die da hingehen, kennen meine Lieder/Sie sagen, schön, dass du jetzt hier bist/Und glaub mir, das macht einen Unterschied«. Der Unterschied spornt ihn an. Innerhalb von vier Jahren veröffentlicht Die Regierung drei Alben.

Auf »Unten«, dem vorläufig letzten Lebenszeichen von Die Regierung in den neunziger Jahren, rücken in fast allen Liedern von Rossmy zitierte Frauen mit der Sprache raus. Sie heißen »Corinna«, »Charlotte«, »Nicole« oder »Nathalie«, sie tauchen als Foto auf, das leider ihr neuer Freund gemacht hat, und sie teilen auch als »professioneller Fan« wenig Schmeichelhaftes mit: »Es ist schade, dass du nicht so frei und so verrückt bist wie deine Musik.« Privat mag Rossmy Kritik zu hören bekommen, künstlerisch dagegen erreicht er das Gegenteil des Albumtitels, er ist so weit oben, dass ihm seine Lieder vielleicht sogar ein ausreichendes Einkommen verschaffen können. Dafür ist er bereit, die Band hinter sich zu lassen und seinen künstlerischen Ausdruck einer kosmetischen Behandlung zu unterziehen. Vorher hat er manchmal geklungen, als hätte sich Lou Reed mit Ton Steine Scherben zusammengetan. Für die nun entstehenden Soloalben nimmt Rossmy Softrock auf und hört sich an wie ein Chris Rea, der sich von Country-Musikern begleiten lässt. Doch die zurückhaltenden Publikumsreaktionen stehen dem Berufsmusikerleben im Weg. Rossmy bringt darauf hin sein Physikstudium zu Ende und zieht aus Hamburg weg. Er wird Softwareentwickler und gründet eine Familie.

Mittlerweile lebt er mit Frau und Kindern schon seit einigen Jahren in Bern in der Schweiz. Beruflich läuft es gut, außerdem lässt sich dort ausgiebig auf Skiern und Crossrädern fahren, wie er in einem Radiointerview erzählte. Auf vielen Touren querfeldein und über Landstraßen beginnt Rossmy zu verstehen, dass ihm seine frühere Melancholie nicht nur als Anregung beim Komponieren und Texten diente, sondern ihn nicht zuletzt auch vor dem Abheben bewahrt hat: »Wenn du unten bist, dann sorgst du schon ganz gut für dich/Aber du musst lernen, auf dich aufzupassen, wenn es dir gut geht«, so seine Einsicht in »Alter Hase«, dem letzten Stück auf »Was«. Kumpelhaft lächelt Rossmy den jungen Mann an, der er mal war, und scherzt freundlich auf eigene Kosten: »Bist du nicht gewohnt, nicht wahr?/Machst die ganzen Anfängerfehler.« Über sich selbst zu schmunzeln, lässt sich lernen. Rossmy hat herausgefunden, dass es zu einem Leben gehören kann, ein paar Tausend Tode zu sterben, bevor es richtig losgeht.

 

Die Regierung: Was (Staatsakt)