Man hätte Benedikt XVI. eine Schweigepflicht auferlegen müssen

Es darf nur einen geben

Was kümmert mich der Dax.

Manchmal wünscht man sich, die katholische Kirche würde häufiger auf ihre Traditionen zurückgreifen. Als Papst Coelestin V. 1294 zurücktrat, behauptete er, wieder Eremit werden zu wollen. Aber würde er wirklich niemals der Versuchung erliegen, wieder in die Politik einzusteigen? Sein Nachfolger Bonifaz VIII. entschloss sich, den Pensionär einzukerkern und so sicherzustellen, dass er die Klappe hält. Einen Präzedenzfall hatte man also, um Benedikt XVI. nach seinem Rücktritt ruhigzustellen. Mag die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein wenig verweichlicht sein, so gibt es doch die schöne christliche Tradition des Schweigegelübdes, das man Benedikt hätte abverlangen müssen.

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Am 11. April hat sich Benedikt wieder zu Wort gemeldet. »Zu der Physiognomie der Achtundsechziger-Revolution gehörte, dass nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde«, dozierte er über »diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ. Die Gewaltbereitschaft, die diese Jahre kennzeichnete, ist mit diesem seelischen Zusammenbruch eng verbunden.« Dann ging er von der Demagogie zur freien Erfindung über: »In der Tat wurde in Flugzeugen kein Sexfilm mehr zugelassen, weil in der kleinen Gemeinschaft der Passagiere Gewalttätigkeit ausbrach.« Es ist keine Überraschung, dass Benedikt sich, der katholischen Sündenlehre folgend, standhaft weigert, zwischen einvernehmlicher Sexualität und sexueller Gewalt zu unterscheiden und immer noch etwas reaktionärer sein muss als der Mainstream seiner Kirche. Er hat sich aber gleich zweier Todsünden schuldig gemacht, der Trägheit des Herzens und des Hochmuts.

Zunächst als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre und dann als Papst war er maßgeblich verantwortlich für die Ver­tuschung der Missbrauchsvorwürfe und die Weigerung der Kirche, mit Ermittlungsbehörden zu kooperieren – doch statt zu bereuen und Buße zu tun, zeigt er mit dem Finger auf andere. Überdies mindert seine Einlassung die Autorität des Papstes, und bei einem so versierten Kirchenpolitiker kann das nur in bös­artiger Absicht geschehen sein. Franziskus ist in Fragen der Sexualmoral ein gestandener Reaktionär, dennoch gilt er rechtskonservativen Geistlichen und Gläubigen als Linksabweichler. Da gerät die Treue- und Gehorsamspflicht gegenüber dem Papst – und es darf nur einen geben – schon mal in Vergessenheit. Aber das bleibt nicht ungestraft. Am 15. April brannte die Kathedrale von Notre Dame in Paris – einen Tag vor Benedikts Geburtstag. Nur Ketzer und Gottlose können das für einen Zufall halten.