Christen marschieren voran

Gott und Vaterland

Welche Heimat hat Gott? Fundamentalistische Christen proben den Pakt mit Faschisten.

Bei dem christlich-reaktionären World Congress of Families (WCF) trat selbstverständlich auch Italiens extrem rechter Innenminister Matteo Salvini als Ehrengast auf. Doch bei allen Gemeinsamkeiten waren viele Teilnehmer von dem Parteivorsitzenden der Lega enttäuscht, weil er in seiner Rede betonte, dass er das Recht auf Schwangerschaftsabbruch nicht in Frage stellen werde. Bezüglich der Grundrechte von Frauen gehörte Salvini beim WCF in Verona noch zu den gemäßig­teren Stimmen.

Anzeige

Vor der Kongresshalle demonstrieren hingegen 5 000 Menschen beim »Marsch für das Leben«. Jemand hatte ein Plakat mitgebracht, auf dem eine ­Familie, bestehend aus Mutter, Vater, Tochter und Sohn, mit einem Regenschirm vor einem Regenbogen geschützt wurde. Viele Teilnehmer trugen Holzkreuze und Fotos der Jungfrau Maria und des Jesuskinds mit sich. Mit dabei waren auch Mitglieder der neofaschistischen Kleinstpartei Forza Nuova, die ein Referendum über ein Verbot von gleichgeschlechtlichen Ehen erzwingen wollen.

Die Mitglieder der Forza Nuova trugen uniform weiße Hemden und hatten drei Plakate mitgebracht, auf denen jeweils die Worte »Dio« (Gott), »Patria« (Vaterland) und »Famiglia« (Familie) stehen. Es ist ein faschistischer Slogan aus der Zeit Benito Mussolinis. Die ultrakonservativen Christen auf der Demonstration störten sich nicht an der positiven Bezugnahme auf den Faschismus.
Die Idee mit dem Referendum gegen gleichgeschlechtliche Ehen hat sich die Forza Nuova bei einer kroatischen Teilnehmerin der Konferenz abgeschaut – bei Željka Markić, die beim homophoben Verein »U ime obitelj« (Im Namen der Familie) aktiv ist. Als die sozialdemokratische Regierung in Kroa­tien 2013 diskutierte, die Ehe für alle einzuführen, initiierte »U ime obitelj« ein bindendes Referendum zum Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe in Kro­atien und hatte damit Erfolg. Wichtige Unterstützung erhielten sie dabei vonseiten der katholischen Kirche in Kroatien.

Ein ähnliches Vorhaben für ein grundsätzliches Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen scheiterte in Rumänien im Oktober 2018 an der zu geringen Wahlbeteiligung, obwohl dort die wichtigsten Vertreter der rumänisch-orthodoxen Kirche für das Verbot trommelten.
Die Teilnehmer des WCF vertreten aber nicht nur ein streng religiöses, konservatives Familienbild, sie leugnen auch schlichtweg wissenschaftliche Fakten. Etwa Alexej Komow aus Russland, der dort Schwule am liebsten wieder in Straflager schicken würde. In Verona sagte er: »Wenn wir uns anschauen, wer für den Darwinismus wirbt, dann sehen wir, dass es sich um dieselben Leute handelt, die auch die LGBT- und Gender-Theorie bewerben.« Komow lehnt es ab, dass Kindern die Evolutionstheorie in der Schule beigebracht wird, und ist darüber hinaus der Meinung, dass home schooling für die meisten Kinder die bessere Alternative wäre.

Die Russland-Connection
Der »Weltkongress der Familien« ist das wohl wichtigste gemeinsame Forum von christlichen Fundamentalisten aus den USA, europäischen Rechtspopulisten und putinistischen »Traditionalisten« aus Russland. Zu letzteren zählten dieses Jahr der bereits erwähnte Komow und der orthodoxe Erzpriester Dmitrij Smirnow, der im Jahr 2012 die damaligen Proteste gegen Präsident Wladimir Putin auf den Einfluss Satans zurückführte und Homosexualität für eine ansteckende Seuche hält. Komow ist nicht nur fundamentalistischer Kreationist und der offizielle russische Vertreter des WCF, er ist auch ein wichtiges Bindeglied zwischen der russischen Regierung, der italienischen Lega und dem russischen Oligarchen Konstantin Malofejew, für den er arbeitet.

Malofejew versteht sich als frommer »orthodoxer Monarchist«, und ist ein eifriger Unterstützer der russisch-orthodoxen Kirche. 2016 organisierte er eine Konferenz in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale, bei dem christliche Fundamentalisten über sogenannte Homo-Propaganda, die Gleichstellung der Frau und das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche klagten. Er unterhält außerdem enge Kontakte zur AfD, zu prorussischen Se­paratisten in der Ukraine, der Lega und vielen anderen ultrakonservativen, rechten und extrem rechten Kräften in Europa.

Sein Mitarbeiter Komow und der Duma-Abgeordnete Wiktor Zubarew von der Partei »Einiges Russland« waren bereits im Dezember 2013 auf dem Parteitag der Lega Nord (seit 2018 Lega), beim dem Matteo Salvini zum Vorsitzenden gewählt wurde. Im Gegenzug besuchte eine Delegation der Lega Nord bereits im Oktober 2014 die besetzte Krim. Zu dieser Zeit traf sich Wladimir Putin auch mit Matteo Salvini.

Kontakte zwischen dem christlichen Eiferer und Oligarchen Malofejew, Wladimir Putin und Matteo Salvini bestehen also bereits seit einer Zeit, als die Lega Nord noch eine extrem rechte Regionalpartei war, der kaum jemand eine realistische Chance gab, jemals den Ministerpräsidenten Italiens zu ­stellen.

Internationale gegen Abtreibung und Homo-Ehe
Die vor drei Wochen veröffentlichte Recherche des Online-Portals Open ­Democracy (siehe Seite 3) zeigt, dass der WCF eine wichtige Verbindung zwischen Evangelikalen in den USA und rechten europäischen Parteien ist.
Als Grundlage diente die Rednerliste des WCF seit 2004.

Bei allen Unterschieden teilen die Redner meist ein ultrakonservatives Familienbild und sind Gegner von Sexualaufklärung an Schulen, gleichgeschlechtlichen Ehen und dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Gerade im Familienbild sind sich säkulare extreme Rechte und fundamentalistische Christen sehr nahe.

Seit 2004 sprachen auf den WCF-Kongressen über 700 Personen, darunter über 200 US-Amerikaner. Die meisten davon stehen der evangelikalen Rechten in den USA nahe. Außerdem sprachen auf den Kongressen sieben ka­tholische Kardinäle.
Über 100 der Redner sind ehemalige oder amtierende Politiker aus Europa, von denen wiederum die Mehrheit ultrarechten Parteien angehört. Sie kommen aus Italien, Ungarn, Polen, Serbien, Spanien und seit der Regierungsübernahme von Jair Bolsonaro auch aus Brasilien.

In Warschau sprach 2007 beim WCF der damalige Staatspräsident Lech Kaczyński, der 2010 bei einem Flugzeugabsturz starb. Seine Partei versuchte Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich zu kriminalisieren, was durch breiten Widerstand und die Bewegung Czarny Protest verhindert werden konnte.

An dem WCF in Madrid 2012 nahm der ehemalige spanische Innenminister Jaime Mayor Oreja teil, der den Faschismus einmal als »außergewöhnlich fried­liche Phase« bezeichnete und behauptete, es komme zu Terrorattacken, weil christliche Werte nach der Einführung der Homo-Ehe verloren gegangen seien. Er sitzt für die Europäische Volkspartei (EVP) im Europaparlament, also
in der Frak­tion, welcher auch die deutschen Unionsparteien angehören.
Als der WCF 2017 in Budapest stattfand, kam Ministerpräsident Viktor Orbán höchstpersönlich und lobte die Veranstaltung. Im Mittelpunkt stand aber eine andere Person: Die ungarische Familienministerin Katalin Novák, die inzwischen eine Geburtenprämie in Ungarn einführte, welche aber nur verheirateten Frauen in erster Ehe zugutekommt. Unverheiratete und Frauen in zweiter Ehe gehen leer aus. Die Regierung sagt ganz offiziell, das Ziel der Familienpolitik sei es, mehr Ungarn zu zeugen, um künftig nicht auf Migranten angewiesen zu sein.

Der WCF unterhält Kontakte zur serbischen extrem rechten Partei Dveri. Deren Vorsitzender Boško Obradović nahm 2017 an der Konferenz in Budapest teil. Dieses Jahr kam Radoš Pejović nach Verona. Die Mitglieder der Partei verstehen sich einerseits als »Lebensschützer«, andererseits heroisieren sie den verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladić und bezeichnen das Massaker an 8.000 Menschen von 1995 im bosnischen Srebrenica als »Befreiung«.

Auch der Präsident der Republik Moldau, Igor Dodon, sprach mehrfach auf dem WCF. Er setzt sich für ein Verbot »homosexueller Propaganda« nach russischem Vorbild ein und sagt, er sei »nicht der Präsident der Schwulen«.

Als der WCF 1997 zum ersten Mal in Prag stattfand, war er noch ein Zusammenschluss extrem rechter religiöser Fanatiker ohne großen politischen Einfluss. Inzwischen unterhalten diese weltweit gute Kontakte zu Regierungspolitikern, die ihr Welt- und Familienbild teilen.