Der analoge Mann

Damenwahl

Aus Kreuzberg und der Welt.
Kolumne Von

»Sie hat mich eben gefragt, ob ich tanzen möchte, da hab ich nein gesagt. Das ist mir ’n bisschen peinlich, ich sage sonst nie nein. Wir hatten vorhin aber schon mal getanzt, aber ein zweites Mal ... «, sage ich schuldbewusst zu Henrik, der heute DJ in der Villa Neukölln ist. »Meinst du die da? Mit der tanze ich sowieso nicht. Die folgt überhaupt nicht. Das geht gar nicht«, antwortet er, ­vermutlich damit ich mich besser fühle. »Mir ist das aber normalerweise egal, wie gut jemand tanzt. Das ist doch erst mal voll das Geschenk, wenn sich mir eine Person überhaupt anvertraut und von mir führen lässt. Ich finde das nicht in Ordnung, so picky zu sein. Vor allem nicht als Mann, weil Frauen immer in der Überzahl sind und wir als Männer fast ausnahmslos begehrte Tanz­partner sind«, sage ich, während Henrik auf seine Playlist guckt. »Ja, aber mit ihr macht es einfach keinen Spaß. Die hüpft da immer irgendwo in der Gegend ’rum. Da kann sie auch gleich allein tanzen.« »Ich will aber nicht so streng sein«, antworte ich, denke aber: Henrik hat recht. Mit ihr macht es keinen Spaß.

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Zu Beginn des Abends hatte ich zuerst mit Manuel getanzt. Er ist groß und hat eine gute Körper­haltung und -spannung. Mit ihm macht es Spaß zu tanzen. Erst führe ich, dann führt er und so wechseln wir uns immer weiter ab. Ich folge etwas besser. Es sieht sicher eleganter aus, wenn der kleine Mann sich an den großen schmiegt. »Guck mal da, das süße schwule Pärchen«, sagen die Frauen vielleicht, die gerade zusehen. »Oder sind sie nicht schwul? Jedenfalls süß, wie sie zusammen tanzen, und schön, dass es ihnen egal ist, was alle anderen denken.« Aber es ist ihnen ja gar nicht egal! Zumindest mir nicht. Ich bin mir der Wirkung bewusst. Natürlich macht es auch einfach nur Spaß, zusammen zu tanzen, aber ich weiß doch ganz genau, dass ich gerade Punkte ­sammele bei den Frauen. Es ist ein ganz billiger Trick.

Nachdem ich mit Henrik gesprochen habe, gehe ich nach draußen und rauche die erste Zigarette der Saison. Kurz darauf kommt auch meine ab­gelehnte Tanzpartnerin raus. »Darf ich mich zu dir setzen?« fragt sie. »Natürlich. Sehr gern«, antworte ich. Während sie sich eine selbstgedrehte Zigarette zurechtkrümelt, sagt sie: »Ich war gerade auf einer sechswöchigen Kur, deswegen hatte ich keine Zeit zu tanzen.« »Weshalb warst du denn zur Kur?« »Burnout. Aber Burnout darf man nicht sagen. Burnout wird vom Jobcenter nicht anerkannt. Es muss Erschöpfungsdepression heißen. Ich hab lange gekämpft bis ich das durch­gekriegt habe.« Die Frau sieht immer noch erschöpft aus. Als hätte sie die Frage nach ihrer Erschöpfung schon oft beantwortet, fügt sie hinzu: »Ich habe zwei Pflegekinder im Teenageralter, die ich allein erziehe. Das schlaucht ganz schön.«

»Mir ist das zuerst total schwer gefallen, mich überhaupt führen zu ­lassen«, sagt sie. »Na klar! Ich bin auch nicht geboren worden, um zu führen«, erwidere ich. »Daran musste ich mich auch erst gewöhnen. Wenn es möglich gewesen wäre, wäre ich lieber zuerst gefolgt. Als ich vor acht, neun Jahren an­gefangen habe, wurde uns Männern das aber gar nicht angeboten. Heute gibt es Tanzkurse, in ­denen von Anfang an beide Rollen vermittelt werden. Als Leader musst du ja die ganze Zeit auf­passen. Ich wäre als folgende Person gern mal weg­gedöst, weil die Kurse nun mal vor allem auf die Leader ausgerichtet sind.«

»Mir ist das am Anfang total schwer gefallen, aber mittlerweile mag ich das sehr gern«, sagt sie und ich glaube ihr. Sie lässt sich schwer führen, weil sie zu wenig tanzt. Sie kommt und geht auch immer alleine. »Machst du denn noch Tanzkurse?« frage ich. »Nein. Hab ich alles schon gemacht. Jetzt will ich nur noch tanzen.« »Aber die Kurse sind wichtig. Da kannst du leicht Leute kennen lernen und dich anfreunden. Mit denen gehst du dann tanzen. So entsteht Community.«

»Tanzen macht mir auch Spaß. Aber es fällt mir manchmal ganz schön schwer, mich aufzuraffen, um zum Tanzen zu gehen. Dann komme ich und sitze rum, weil mich niemand auffordert. Als ältere Frau wirst du nicht so oft aufgefordert. Also muss ich selbst auffordern. Aber daran hab ich mich schon ­gewöhnt … «

Irgendwie nervt mich ihr Gejammer und ich will dem etwas Positives entgegensetzten. »Die ganze Welt ist gestresst. Aber ich will das nicht. Ich habe keinen Stress, weil … «. Aber weiter komme ich nicht, weil sie mich plötzlich schroff unterbricht: » … weil du dich immer nur um dich selbst gekümmert hast!«

»Würde ich so nicht sagen … «, antworte ich. Und setzte gleich hinzu: »Ich kümmere mich sehr um meine Freundin. Wir sind seit 22 Jahren zusammen. Sie ist seit 15 Jahren Lehrerin und seitdem halte ich ihr den Rücken frei und kümmere mich um den Haushalt. Ich koche, kaufe ein, wasche die ­Wäsche und putze die Wohnung. Meine Freundin hat noch nie Wäsche zusammengelegt und wie die Waschmaschine funktioniert, weiß sie auch nicht.« Jetzt hab ich sie. Noch so ein billiger Trick. Ein Tantentäuschertrick, wie meine Freundin es nennt. »Oh, das ist ja toll«, sagt die erschöpfte Frau lächelnd.