Bildband »Geschichte wird gemacht« über die Punkbewegung in der Bundesrepublik

Keine Atempause

Wieder ist ein Buch über den deutschen Musik-Underground erschienen. Der Bildband »Geschichte wird gemacht« enthält ­faszinierende Fotos, einige der ­Textbeiträge lassen allerdings zu wünschen übrig.

Der Drehbuchautor Xaõ Seffcheque, der Literaturfestivalveranstalter ­Edmund Labonté, der Schriftsteller Peter Glaser und der Musiker Peter Hein haben sich in der Vergangenheit schon oft in Interviews, Auftritten in Fernsehfeatures, Zeitungsartikeln, Essays oder Beiträgen in Antholo­gien zu den Themen Punk, Underground- und Subkulturen der siebziger und achtziger Jahre geäußert. Man könnte meinen, es sei mittlerweile alles dazu gesagt. Was treibt sie also dazu, sich diesen Themen erneut in dem von Seffcheque und ­Labonté herausgegebenen Fotoband »Geschichte wird gemacht – Deutscher Underground in den Achtzigern« zuzuwenden?

Erstaunlich viele Menschen verfügten von heute auf morgen über viel Selbstbewusstsein und spielten schon übermorgen überschwenglich in einer Band.

Ein Grund dafür mag das anhaltend große Interesse des Publikums an dem Thema sein. Kaum waren die achtziger Jahre vorbei, fingen Publizisten und Kuratoren praktisch sofort damit an, mit Hingabe auf die Zeit zurückzuschauen. Jürgen Teipel beispielsweise begann, seinen zu Recht vielgelobten Doku-Roman »Verschwende deine Jugend« zu schreiben, der Anfang der 2001 erschien und den Protagonisten von damals schlagartig klarmachte, dass sie »­einer offenbar doch ziemlich bedeutenden Jugendbewegung« angehört hatten, wie Seffcheque und Labonté in ihrem Vorwort schreiben. Teipels Roman folgte eine Vielzahl kultureller Produkte zum Thema, beispielsweise eröffnete bald nach Erscheinen des Buchs die ehrwürdige Düsseldorfer Kunsthalle ihre lange geschlossenen Pforten mit der monumentalen Ausstellung »Zurück zum Beton« wieder. Über die Jahre erschienen einige Bücher, unter anderem Frank Apunkt Schneiders Punk-Chronik mit dem wunderschönen Titel »Als die Welt noch unterging« sowie »Das Zick-Zack-Prinzip«, Christof Meuelers Biographie des Labelbetreibers Alfred Hilsberg.

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All diese Veröffentlichungen erzählen von den Menschen, die sich seinerzeit von Punk rasend schnell anstecken oder anmachen ließen. »Jeder Tag goss ein Füllhorn neuer Ideen und Inspirationen aus, die Luft gelierte regelrecht vor Ingenialität und Experimentierfreude«, jubelt Peter Glaser nun in »Geschichte wird gemacht« über jene Jahre. Erstaunlich viele Menschen verfügten von heute auf morgen über viel Selbstbewusstsein und spielten schon übermorgen völlig überschwenglich in einer Band. Sie machten einen Krach, der Glaser an Schmerzenslaute und Maschinengeräusche erinnert: »Die Sänger schrien wie bei ­einem Autounfall, die Lenksäule im Brustkorb, die Musik dazu wie das Fräsen und Schweißen der Bergungsmannschaft.«

Bei dem Landschaftsgärtner und Klarinettisten Richard Gleim weckten diese musikalischen Autounfälle die Lust, sie mit seiner Kamera auf­zunehmen. In einem Foto von Ar/Gee, wie sich Gleim als Fotograf nannte, erkennt Glaser »eine ganze Komposition in einem einzigen ­Augenblick, die sich nach verschärfter Gegenwart anhört«. Die Beschreibung übertreibt nicht, Gleims Bilder halten ein Getümmel nach dem anderen fest. Die abgelichteten ­Musiker, die Mikrophone oder Trommelstöcke greifen oder einen Bass oder eine Gitarre umgehängt haben, sehen unfassbar rebellisch aus. Die wilden Frisuren, das aggressive Make-up, die abgerissene Kleidung und die motzige Körpersprache zeichnen diese Figuren aus, die sich selbst und dazu ihre gesamte Umgebung gerade neu erfinden. Kurz bevor Gleim auf den Auslöser drückte, war all das noch kaum für möglich gehalten worden. Das gilt auch für die Fans, welche fröhlich und weitgehend gewaltfrei übereinander herfallen und dabei den Bands laut zurufen und sie anspornen. Gleim ­dokumentierte damit das Ereignisreiche eines jeden noch so kleinen Punk-Konzerts. Die Bildergeschichte, die das Buch erzählt, handelt Glaser zufolge daher von nicht weniger als der »fast vollständigen Abwesenheit von Langeweile in dieser Zeit«.

Der Untertitel des Bands, »Deutscher Underground«, verspricht allerdings mehr Orte, als das Buch zeigt. Die ausgewählten Bilder entstanden zum größten Teil in Arnsberg, Düsseldorf und Köln. Geschichte wurde offenbar vor allem in Nordrhein-Westfalen gemacht. Bei Abgebildeten dagegen, die nicht aus den genannten Gegenden kommen, nahmen es die Herausgeber bei der Bildbeschriftung anscheinend weniger genau. So taucht etwa Jürgen Gleue von dem Hannoveraner Duo 39 Clocks hier als Jürgen Gleul auf und Gudrun Gut von der Berliner Band Malaria! bekommt auf die gleiche Art den Namen Karin Luner verpasst, so heißt allerdings eine frühere Bandkollegin von Malarias Vorgängerband Mania D. Der Sänger Stiv Bators heißt im Band Steve Bators und die Sängerin Wendy O. Williams wird in Wendy O. Jackson umgetauft.

Um nicht bloß alte Geschichten weiterzugeben, haben auch einige Nachgeborene Texte beigesteuert. Doch diese Autorinnen und Autoren sorgen mit ihren Texten für große Merkwürdigkeiten in diesem Buch. Denn sie kommen kaum darüber hinweg, dass sie 1980 noch zu jung waren, um in der Punk-Szene ge­wesen zu sein. Den Publizisten Ulrich Gutmair etwa treibt das so sehr in die Defensive, dass er meint, sich vor den Lesern für sein damaliges Alter entschuldigen zu müssen: »Ein Zwölfjähriger ist noch kein Hipster.« Weil er sich mit seinen ersten Bands »vor Mauern und Abrisshäusern fotografieren« ließ, beschimpft sich Frank Spilker, der Sänger von Die Sterne, selbst als »Provinzler«. Und die Literatin Christina Mohr erinnert sich, wo ihr seinerzeit der Mut gefehlt hat: »Ich habe große Plastikdreiecke am Ohr und als weiteres Accessoire Platten in der Tüte vom hiesigen ›Musikladen‹ – ein ver­wegeneres Styling traute ich mich nicht.«

Keiner mag auf den Hinweis verzichten, dass er oder sie entweder zu wenig Ahnung oder Mut oder einfach nicht genug Lebensjahre auf dem Buckel hatte, um so cool wirken zu können wie die Protagonisten des Buchs – als wären die schon cool, mutig und mit einem Abonnement des New Musical Express auf die Welt gekommen.

»Geschichte wird gemacht« ist trotzdem ein erstaunliches und notwendiges Buch. Das liegt an der freudigen Verwunderung darüber, dass sich die von Gleim fotografierten Momente tatsächlich mal ereignet haben. Denn gerade mit wachsendem zeitlichen Abstand wirkt es immer unglaublicher, dass so radikale Musik und so viel Energie in Deutschland mal in einem Zusammenhang stehen konnten. Die Er­innerung daran tut not.

Ar/Gee Gleim (Fotos), Xaõ Seffcheque (Hrsg.), Edmund Labonté (Hrsg.): Geschichte wird gemacht. Deutscher Underground in den Achtzigern. Heyne, München 2019, 244 Seiten inklusive CD, 30 Euro