Album »Wheeltappers and Shunters« von Clinic

Antisatirische Chirurgen

Auf ihrem neuen Album gibt sich die britische Band Clinic fortschrittskritisch, ohne dabei konservativ zu sein.

Manchester in den Siebzigern: Im Wheeltappers and Shunters Social Club treten bekannte Entertainer vor einem vorwiegend männlichen ­Publikum aus der Arbeiterklasse auf. Diesen Herrenclub gab es nicht wirklich, er existierte zwischen 1974 und 1977 allein im britischen Fern­sehen. Allein der Name sug­geriert eine gewisse Beengtheit: wheeltapper und shunter sind beides ­Bezeichnungen für Berufe im Bahnbetrieb (Wagenmeister und Weichensteller, um es genau zu sagen). Doch ob nun echt oder nicht, wichtig ist: Nach der Arbeit darf hier geraucht, gesoffen und auf Schenkel geklopft werden, das kulturelle Programm bietet weder Utopie noch ­Eskapismus, sondern Bewährtes, das nicht an den bestehenden Verhältnissen rüttelt.

So sehr entmenschlichen Clinic den Sound einer Rockband, dass »Wheeltappers and Shunters« gemessen an seinen Arrangements genauso gut das Werk eines Electro-Acts sein könnte.

Die Liverpooler Post-Punk-Band Clinic hat diese zumindest außerhalb Großbritanniens obskure Fernsehshow nun für ihr eigenes Comeback (ihre letzte Platte »Free Reign« ist sieben Jahre alt) in die Gegenwart gezerrt. Benannt ist ihr neues Album »Wheeltappers and Shunters« allerdings nur nach den wheeltappers und shunters, verschwunden ist der da­zugehörige Club. Weil er sich als etablierter Teil seiner Gegenwart begriff, musste er wohl, als aus Gegenwart Vergangenheit wurde, zurückbleiben. So sind die wheeltappers und shunters auf sich gestellt – in einem Land, das bekanntlich vor drei Jahren selbst beschloss, künftig lieber auf sich gestellt sein zu wollen.

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Damit wären die Voraussetzungen gegeben für eine wütende britische Post-Punk-Platte über eine im Neoliberalismus verlorene Arbeiterklasse und deren Vereinnahmung durch Rechtspopulisten, auf der die Themen »Brexit« und Nationalismus nicht fehlen können. Aber nein, wer Post-Punk hören will, in dem der Wut Luft gemacht wird, sollte lieber die britische Band Idles hören. Clinic nämlich dürfen ihre Wut nicht ablassen, weil sie die Atmosphäre abbilden wollen, mit der diese Wut eine verstörende Symbiose eingeht. Entsprechend entrückt klingt die dazugehörige Musik. Das Schlagzeug ­beschränkt sich auf das Nötigste, wie eine Maschine stampft es karg den Takt vor. Auf diesem monotonen Klanggerüst verteilen sich wiederkehrende Motive der restlichen Musiker wie Produkte auf einem Fließband, das nicht zum Stillstand kommen darf. So sehr entmenschlichen Clinic den Sound einer Rockband, dass »Wheeltappers and Shunters« ­gemessen an seinen Arrangements genauso gut das Werk eines Electro-Acts sein könnte. Umso mehr wirkt Ade Blackburns passiver Gesang, als könne der Sänger in seiner kalkulierten Gefasstheit jeden Moment den Verstand verlieren. Unterhalb der Ordnung lauert die Paranoia.

Clinic scheinen sich selbst zu widersprechen, wenn ihre Songs Titel wie »Congratulations« oder »Rejoice!« tragen oder Zeilen wie »The best is yet to come /All seasons in the sun / The fields are overrun / Enjoy yourself« wie Drohungen klingen. Dabei gehen diese Scheinwidersprüche über die bloße Ironie einer Inkongruenz von Form und Inhalt hinaus. Möchte man Clinic das ohnehin zur Jahrtausendwende beliebig verteilte Label Post-Punk abziehen, hat man tatsächlich eine Psychedelic-Rock-Band vor sich (in OP-Kitteln und Mundschutz – nein, das ist keine Metapher, sondern so lassen sich die vier ­Mitglieder seit Jahren fotografieren), ­deren Phantasieland jenseits des Wahrnehmbaren allerdings keine Erlösung verspricht, sondern Alpträume, die furchteinflößender wirken als ein schlechter Acid-Trip, weil sie Teil der Realität sind. »Wave your flags and shake your tambourines«, fordert Blackburn in »Complex« und nimmt den Hippies so die Bilds­prache der Sechziger, um sie in einer Dystopie zu platzieren, deren Vermengung idealistischer Slogans und industrieller Beklemmung sich im 21. Jahrhundert eben beängstigend real anfühlt. Und dann springt der Reaktion einen Song später sogar die Natur zur Seite, indem sie die Überwindung der Verhältnisse zur Regression erklärt: »The trees whisper to me / You see what else can be / Neanderthal, Neanderthal«. In »Be Yourself / Year of the Sadist« entweihen Clinic einen weiteren Eckpfeiler des popkulturellen Idealismus: die Selbstbestimmung. »Ah, we made you for everyone«, spottet Blackburn, »Be yourself and no one else can tell«. Die Musik dazu klingt, als hätte jemand The Zombies aus den Sech­zigern herbeizitiert und jeglicher Lebensfreude beraubt.

Man lehnt sich nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn man »Wheel­tappers and Shunters« als fortschrittsskeptisches Album bezeichnet. Diese Skepsis äußert sich jedoch nicht in Form einer konservativen Kritik, die auf die Bewahrung der Ordnung vor zu viel »Fortschritt« pocht. Vielmehr hinterfragen Clinic, wie in psyche­delischen Genres üblich, die Verlässlichkeit eines linearen Zeitmodells, um das auf allzu naiven Fortschrittsglauben anzuwenden. Gleich der erste Song verlangt nach »a reason, (…) a sign / People evolving before your eyes« und fragt: »All the love all aglow / Was it all you had hoped?« Die Antwort lässt Blackburn laut auf­lachen: »Ho ho ho, do as you please!« Am Ende löst sich die Illusion der Weiterentwicklung in Luft auf: »I find people dissolving before your eyes«.

Der stark konzeptuelle Ansatz von Clinic ist durch und durch art school. Besonders im britischen Popdiskurs wird diese Charakterisierung gerne als Gegenpart zum Prädikat working class bemüht, das berühmteste Beispiel der jüngeren Zeit findet sich bei den berüchtigten Grabenkämpfen zwischen Fans von Blur und Oasis in den Neunzigern. Clinic nehmen dabei eine Sonderstellung ein, weil sie sich einerseits gemäß der gängigen art school-Mentalität weigern, Authentizität zu instrumentalisieren, andererseits jedoch vor der Fiktion des Glücks warnten und auch fiktive Ausschmückung skeptisch beäugten. Dieser Surrealismus orientiert sich klar an der Realität. Sein filmisches Äquivalent ließe sich im Spätwerk von Luis Buñuel finden, wenn man es von seinen satirischen Ansprüchen befreien würde.

Denn im Prinzip sind Clinic Antisatiriker. Statt von Überzeichnung lebt ihre Kritik von Skizzen und Andeutungen. In einer von Nebel durchdrungenen Landschaft blitzen nur Ausschnitte hervor, deren wenig schmeichelhafte Konturen bei klarem Wetter sich kaum mehr auffinden ließen. Was diese Skizzen zusammenhält, ist ein negativer Universalismus, der die durch die Stimmung der Platte transportierte Gefahr unabhängig von realen Zeiten und ­Orten zeigt. Ausgangspunkt des Albums mag ein gefälschter Herrenclub im Manchester der Siebziger sein, doch mit »New Equations (at the Copacabana)« endet die Platte in Rio de Janeiro an der berühmten Strandpromenade, wo sich Touristen treffen, um ihren Alltag hinter sich zu lassen, und Einheimische, um das Geld zu verdienen, mit dem sie ihren Alltag aufrechterhalten können. Dieser Ortswechsel geschieht vollkommen unvermittelt, denn die ästhetische Sprache bleibt dieselbe: Die Copacabana scheint ebenso Teil von Clinics dystopischem Paralel­universum zu sein wie die surrealen Nebellandschaften, die zuvor evoziert wurden: »Made-up tears and made-up lives /Made-up cheers and made-up minds / In the made-up world, you pass the hours away«.

Clinic: Wheeltappers and Shunters (Domino Record)