Diskriminierung von Dalit-Frauen

Das Schweigen brechen

Im indischen Kastensystem stehen Dalit-Frauen ganz unten. Sie erleben Diskriminierung und Gewalt. Doch in manchen Gegenden begehren sie nun auf.

Auf dem Weg ins Dorf Irana geht es über staubige Schotterstraßen im Slalom vorbei an Ochsenkarren und Motorrädern. Irana liegt 50 Kilometer nördlich der Stadt Ahmedabad im west­indischen Bundesstaat Gujarat. Es ist zehn Uhr morgens und bereits über 40 Grad Celsius heiß. Im Schatten eines großen Banyanbaums wartet ein Rikschafahrer auf Fahrgäste. Auf einem Motorroller kommt strahlend lächelnd Ranjan Parmar angefahren. Mit ihrer türkisblauen Hose, karierten Kurta und einem knallgelben Schal ist sie im Stil einer urbanen indischen Frau gekleidet. Das ist ein selbstbewusstes Statement für eine Frau, die der Bevölkerungsgruppe der Dalits angehört, den sogenannten Unberührbaren, die im indischen Kastensystem ganz unten stehen. Häufig wird von Dalit-Frauen verlangt, einen traditionellen Sari zu tragen und ihr Gesicht mit einem Schleier zu verdecken.

Sie kennt nun ihre Rechte: die Dalit Ranjan Parmar aus Irana.

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Kaier Rest
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Parmar führt durch die Straßen des Dorfs bis an den Rand von Irana. Abgetrennt vom Rest des Dorfes lebt hier die Dalit-Gemeinde, 15 Prozent der etwa 3 500 Dorfbewohner. Die Dalit-Siedlung hat einen eigenen Brunnen; aus dem der dominanten Kasten dürfen Dalits nicht trinken, denn sie gelten als unrein. Sie haben vor kurzem auch ihren eigenen Tempel gebaut, weil sie die meisten Tempel des Dorfs nicht betreten dürfen.

Vor dem Haus der Familie Parmar sind viele Frauen und Kinder versammelt, sie warten auf Manjula Pradeep. Die Anwältin und Dalit-Aktivistin arbeitet seit über 25 Jahren mit Dalit-Frauen in den ländlichen Gebieten Gujarats. Pradeep kämpft für die Emanzipation der Frauen und gegen Gewalt und Diskriminierung. »Durch Manjula haben wir gelernt, unsere Rechte einzufordern. Ich denke jeden Tag an sie«, sagt Parmar mit Tränen in den Augen, überglücklich, sie wiederzusehen. Die Schwiegermutter Parmars, Manjula Ranjan, berichtet stolz von den Erfolgen der Awareness-Camps im Dorf, die Pradeep organisiert hat.

Seit 20 Jahren im Einsatz für Würde und Gerechtigkeit: die Dalit-Aktivistinnen Manjula Pradeep (l.) und Madu S.

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In diversen Trainingsprogrammen wurden die Frauen über ihre Rechte aufgeklärt und ermutigt, sich zu organisieren, die Stimme zu erheben und gegen die Unterdrückung zu kämpfen. »Manjula hat uns die Stärke der Gemeinschaft gezeigt. Wir Frauen halten jetzt zusammen und haben keine Angst mehr vor den Männern der dominanten Kasten«, so Ranjan. »Sie hat uns auch beigebracht, ­Motorroller zu fahren. Früher gab es hier keine Frauen, die Motorroller fuhren. Heute können wir uns frei und selbstbewusst im Dorf bewegen.«

Das größte Problem hier im Dorf sei der Alkohol, fährt sie fort. Obwohl ­Gujarat zu den drei Staaten Indiens gehört, in denen Al­kohol verboten ist, gibt es in fast jedem Dorf mindestens eine illegale Schnapsbrennerei. »Wenn die Frauen nach einem langen Tag von der Feldarbeit nach Hause kommen, nehmen die Männer das Geld, um sich davon Alkohol zu kaufen. Wenn sie dann betrunken nach Hause kommen, sind die Männer oft wütend und schlagen die Frauen«, berichtet Ranjan. ­Pradeeps Kampagne »Stop Violence Against Women« organisierte die Frauen im Dorf, um dem Verkauf von Alkohol ein Ende zu setzen. Sie zeigt Videos der Aktion auf ihrem Smartphone, zu sehen sind mit Stöcken bewaffnete Frauen, die wütend vor die illegale Brennerei ziehen und lautstark das Ende der Produktion fordern. »Heute wird in Irana kein Schnaps mehr verkauft«, erzählt Ranjan stolz. Die Gewalt gegen Dalit-Frauen ist damit jedoch nicht beendet. Häusliche Gewalt ist noch ­immer ein großes Problem in vielen Familien.

 »Manjula Pradeep hat uns die Stärke der Gemeinschaft gezeigt. Wir Frauen haben jetzt keine Angst mehr vor Männern der dominanten Kasten.«

»Die Bedingungen für Dalit-Frauen sind die schlechtesten in Indien«, sagt Pradeep, »denn es ist nicht nur sexua­lisierte Gewalt, sondern kastenbasierte sexualisierte Gewalt.« Neben der patriarchalen Gewalt im Privaten leiden Dalit-Frauen zudem unter struktureller Gewalt und Diskriminierung durch Männer der dominanten Kasten. Hierzu zählen neben verbalen Beleidigungen vor allem sexualisierte Gewalt und Übergriffe. Die Ansicht, der Körper einer Dalit-Frau sei für Männer höherer Kasten frei verfügbar, ist in den ländlichen Gebieten noch immer weit verbreitet.

Von wegen Karma

In einer ruhigen Siedlung am Rand der Stadt Dewas im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh ist der Sitz der NGO Jan Sahas. Die 2003 von Ashif Shaikh gegründete Organisation kämpft für die Rechte von Dalits und unterstützt Frauen dabei, sich gegen die vielschichtige strukturelle Diskriminierung zu wehren. Jan Sahas leistet juristische und therapeutische Nach­sorgearbeit für Betroffene von sexualisierter Gewalt, Diskriminierung und Menschenhandel. Dies könne nur durch Aufklärung, Bildung und alternative Einkommensmöglichkeiten ­geschehen, meint Shaikh. Dalits wird der Zugang zu Bildung jedoch häufig verwehrt, wodurch die soziale Marginalisierung bereits im Kindesalter einsetzt.

Kämpft gegen Diskriminierung: Manju Chouhan von der NGO Jan Sahas

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Die Sozialarbeiterin Manju Chouhan ist eine der Mitarbeiterinnen von Jan Sahas. »Dalit-Frauen leiden seit ihrer frühen Kindheit unter Gewalt. Sie sind ein leichtes Ziel für die ­dominanten Kasten und meist nicht in der Lage, ihre Stimme zu erheben«, sagt sie. Ihr Anspruch sei es, dafür ein Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen. Sie komme aus einer Dalit-Gemeinde und habe selbst unter Gewalt und Diskriminierung gelitten. Darauf beruhe ihre Motivation, sich für die Rechte speziell von Dalit-Frauen und -Kindern einzusetzen.

Die Diskriminierung und die Übergriffe, die nicht nur von Männern ­dominanter Kasten ausgehen, führen da­zu, dass Gewalt zum Alltag vieler ­Dalit-Frauen gehört. In Fällen von sexualisierter Gewalt ist es für sie kaum möglich, diese öffentlich zu artikulieren. »Über diese Themen zu sprechen, ist sehr schwierig«, sagt Chouhan. »Auch wenn die Frauen ihre Stimme erheben wollen, werden sie zuerst von ihren eigenen Familien zum Schweigen gezwungen. Selbst wenn sich die Betroffene dazu entscheidet, Anzeige zu erstatten, wird sie von den Mitgliedern der Dalit-­Gemeinschaft und manchmal auch von ihren eigenen Familien aufgefordert, sich außergerichtlich zu einigen, ansonsten droht die Vertreibung aus dem Dorf«, so Chouhan. Hinzu komme die Angst vor weiteren Übergriffen durch Mitglieder der domi­nanten Kasten. Die Androhung zusätzlicher Gewalt sei ein beliebtes Mittel, die Frauen zum Schweigen zu zwingen. Die Angst, selbst die Schuld für den Übergriff zugeschrieben zu bekommen sowie ­sozial ausgegrenzt und stigma­tisiert zu werden, sei ein strukturelles Problem innerhalb der Dalit-Gemeinden. Als größtes Problem im Kampf für Würde und Gerechtigkeit sieht Chou­han die Unmöglichkeit, einen Übergriff zu melden und vor Gericht zu bringen. Nach einer Studie der National Campaign for Dalit Human Rights (NCDHR) zur Gewalt gegen Dalit-Frauen aus dem Jahr 2015 werden weniger als ein Prozent der Täter von einem Gericht verurteilt. In 47 Prozent der Fälle ­erstatten die Frauen keine Anzeige, meist aus Angst vor weiterer Gewalt und sozialer Ausgrenzung.

»Auch wenn die Frauen ihre Stimme erheben wollen, werden sie zuerst von ihren eigenen Familien zum Schweigen gezwungen.«

Das Team von Jan Sahas versucht, insbesondere durch Aufklärung die Frauen in den Dörfern zu erreichen und eine Vertrauensbasis aufzubauen. ­Präventiv geht es darum, Unterstützungsangebote bekannt zu machen. Dazu zählt das Verteilen von Notrufnummern ebenso wie rechtliche Aufklärung. Die Betroffenen sollen die Gewissheit haben, dass sie gehört werden und mit ihrer Situation nicht alleine sind. »Am Anfang steht immer das ­Wecken von Vertrauen«, erklärt Chou­han. »Weil niemand ihnen zuhört, ­weder die eigenen Familien noch die Regierung, ist es für die Betroffenen sehr schwer zu glauben, dass sie im Kampf um Gerechtigkeit unterstützt werden.« Zudem gebe es Fälle, in denen Frauen ihre unwürdige Situation als ihr verdientes Schicksal annehmen, so wie es die brahmanische Kastentradi­tion vorgibt. Diese Ideologie orientiert sich an den hinduistischen Schriften wie dem über 2 000 Jahre alte Manusmriti, die das soziale Leben durch reli­giöse Pflichten und Riten organisieren. Sie sind aus brahmanischer Perspek­tive verfasst, der Perspektive der höchsten Kaste. Ganz unten in der sozialen Hierarchie zu stehen, sei die Folge von schlechtem Karma aufgrund schwerer Verstöße gegen soziale Pflichten im vorherigen Leben.

Von Übergriff zu Übergriff

Sobald Jan Sahas ein Übergriff gemeldet wird, begibt sich Manju Chouhan auf die Suche nach der Betroffenen. Wenn sie mit ihrem Team in den Dörfern nach Informationen sucht, steht sie vor großen Herausforderungen. Zuerst müssen sie und ihr Team den Wohnort der Betroffenen finden. Wenn sie nach der Adresse fragen, würden sie häufig zum Haus des Täters geschickt, so Chouhan. »Das sind meistens Männer der dominanten Kasten, die versuchen, uns davon zu überzeugen, dass nichts passiert sei. Die Frauen selbst hätten einen schlechten Charakter und die Geschichte erfunden, um das ­Ansehen des Mannes im Dorf zu beschmutzen«, heiße es, berichtet Chouhan wütend. Wenn sie das Haus der Betroffenen erreichen, seien oft ­bereits viele Menschen dort versammelt, größtenteils Männer. Manchmal hielten die Familienmitglieder der Betroffenen das Team auf. Chouhan und ihre Mitstreiterinnen müssten versuchen, die Familie zu überzeugen, dass sie gekommen sind, um ihr zu helfen. Wenn es nicht funk­tioniere, die Familie zu überzeugen, werde den Betroffenen eine Telefonnummer gegeben und mitgeteilt: »Wenn du Hilfe brauchst, ruf uns einfach an, un­sere Nummern sind 24 Stunden am Tag erreichbar.« Das Team habe immer einen Anwalt dabei, der den Frauen die rechtlichen Möglichkeiten erklärt.

Der Übergriff selbst sei nicht das einzige Problem; die Methoden der Polizei oder der Anwälte vor Gericht setzten den Frauen zusätzlich zu. Chouhan zählt verschiedene Aspekte der juristischen Unterstützung auf: »Die meisten Frauen haben keine Erfahrung mit dem Gericht und bekommen Angst. Deshalb erklären wir den Betroffenen, wie das Gericht aussieht, wer da sein wird, wie der Richter und die Anwälte Fragen stellen und worauf sie achten müssen, wenn sie ihre Version vor Gericht erzählen.«

Ein weiteres Problem sei die medizinische Untersuchung nach einer Vergewaltigung. »Es gibt viele Protokolle, bei denen männliche Ärzte den Zwei-Finger-Test vornehmen«, so Chouhan. Der Test soll feststellen, ob eine Vergewal­tigung stattgefunden hat oder nicht. Die Methode ist in Indien seit 2013 ver­boten, jedoch weiterhin tägliche Praxis. »Ein Arzt steckt zwei Finger in die Scheide, um zu überprüfen, ob die Frau vergewaltigt wurde. Wenn die zwei ­Finger leicht in die Vagina gelangen, sei die Person an Sex gewöhnt«, erklärt Chouhan.

Auf der Polizeiwache müssten die Frauen weitere Qualen erleiden. Polizisten in den ländlichen Gebieten gehören größtenteils Teil den dominanten Kasten an. Die Polizei lasse die Betrof­fenen oft stundenlang warten, häufig werde entweder keine Anzeige auf­genommen oder unter einem anderen Gesetzesverstoß, um die Täter zu schützen, berichtet Chouhan verärgert. »Wir haben das Gefühl, dass die Überlebenden mehrmals vergewaltigt werden. Das Verhalten der Polizei oder der Anwälte vor Gericht zwingt die Frauen, sich dem Drama mehrfach zu stellen.«

Neuanfang in Würde

Grenze die Familie die betroffene Person aus, versuche Jan Sahas, für sie eine alternative Existenzgrundlage zu organisieren. Als Erstes werde eine neue Unterkunft außerhalb des Dorfes gesucht. »Das ist leider nicht immer möglich«, sagt Chouhan. Wenn die Frauen über grundlegende Bildung verfügen, versuche man, ihnen einen Arbeitsplatz zu verschaffen. »In vielen Fällen sind die Frauen Analphabetinnen«, so Chouhan, »dann ist es schwierig, eine Stelle zu finden. Aber wir verlieren nie die Hoffnung«.

Bislang leistete Jan Sahas in mehr als 9 000 Fällen juristische Unterstützung für die Frauen. In den meisten Fällen haben diese die Übergriffe vor Gericht gebracht. Chou­han berichtet, zum ersten Mal mit einem Lächeln im Gesicht, vom »Dignity March« von Dezember vergangenen bis Ende Februar diesen Jahres, den Jan Sahas mitorganisiert hat, um ein Bewusstsein in der indischen Gesellschaft für die ­Unterdrückung und Diskriminierung der Dalit-Frauen zu schaffen. Von Mumbai bis Delhi durchquerten etwa 5 000 Dalit-Frauen, begleitet von Unterstützerinnen und Unterstützern, ins­gesamt 24 Staaten. Sie forderten entlang der zurückgelegten 10 000 Kilometer ein Ende der sexualisierten Gewalt und der Stigmatisierung.

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