Neue Umweltschutzmaßnahmen gegen den Smog in Mexiko-Stadt

Dicke Luft in Mexiko

Der Großraum Mexiko-Stadt lag Mitte Mai unter einer dichten Feinstaubwolke. Tage vergingen, bis die Behörden den Umwelt­not­stand erklärten. Nun hat die »Umweltkommission der Megalópolis« neue Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität vorgestellt.

Die Augen brennen, der Hals kratzt, die Bronchien schmerzen, das Atmen fällt schwer. Als eine Dunstwolke aus Ozon und Feinstaub Mitte Mai das Hochtal von Mexiko füllte, war das für die Bewohner von Mexiko-Stadt schwer auszuhalten. »Das war die schlimmste Smog­attacke, die ich seit langem hier erlebt habe«, sagt Henry James Jonch, der seit seiner Geburt in Mexiko-Stadt lebt. »Ich war unglaublich müde, mir war die ganze Zeit schwindlig und beim Atmen fühlte sich alles verbrannt an.«

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Mehrere Faktoren kamen zusammen: eine außergewöhnlich lange Trockenperiode und ein Hochdruckgebiet, das sich über dem Valle de México festsetzte. Wegen der hohen Temperaturen, der Trockenheit und der Windstille: In der Metropolregion brachen in fast 400 Waldbrände aus. Das ist nicht selten in Mexiko gegen Ende der Trockenzeit, aber dieses Mal tobten die Feuer besonders ungestüm. Sie setzten Unmengen von Feinstaub frei.

Das Ausmaß der Luftverschmutzung wurde 2016 offensichtlich, als Mexiko-Stadt zum ersten Mal seit 14 Jahren den Umweltalarm ausrief.

Die sozialdemokratische Bürgermeisterin und frühere Umweltdezernentin Claudia Sheinbaum reagierte spät. Erst vier Tage nach dem Auftreten des Feinstaubproblems äußerte sie sich öffentlich und machte die Waldbrände für die Luftverschmutzung verantwortlich. Ein weiterer Tag verging, bis sie Notmaßnahmen wie die Einschränkung des Verkehrs verhängte – mittlerweile waren auch die Grenzwerte überschritten. All diese Tage hindurch atmeten die 21,4 Millionen Einwohner der Metropolregion hohe Konzentrationen des gesundheitsschädlichen Feinstaubs der Partikelgrößen PM2,5 und PM10 ein. Der Umweltschützer Arnold Ricalde von der NGO Organi-K kritisiert: »Da die neue Regierung erst kürzlich ihre Arbeit aufgenommen hatte, hatte sie wohl anderes zu tun, als an die Trockenzeit zu denken, in der es erfahrungsgemäß zu vielen Waldbränden und einer schlechten Luftqualität kommt. Die Behörden waren schlecht vorbereitet.«

Eigentlich hätte Sheinbaum als Umweltingenieurin und Klimaforscherin es besser wissen müssen. Seit die Parteifreundin und enge Vertraute von Präsident López Obrador im Dezember das Amt der Bürgermeisterin von Mexico-Stadt antrat, hat die Stadt schon viermal Ozonalarm ausgelöst. Auch die PM2,5-Werte waren konstant erhöht. Das Ausmaß der Luftverschmutzung wurde 2016 offenbar, als Mexiko-Stadt zum ersten Mal seit 14 Jahren den Umweltalarm ausrief. Die besorgnis­erregende Entwicklung wurde nun von Sheinbaum bestätigt: »Die Konzentra­tion der Schadstoffe, die die Gesundheit der Bewohner der Metropolregion Valle de México beeinträchtigen, geht tendenziell wieder nach oben.«

Fahrverbote, Elektrotaxis, Fahrrad-Sharing, Urban Gardening – die einst schmutzigste Stadt der Welt hat seit den neunziger Jahren einiges in den Umweltschutz investiert und war aus den Top Ten der Städte mit der schlechtesten Luft verschwunden. 20 Jahre lang verbesserte sich die Luft­qualität, doch seit etwa sechs Jahren ist eine Trendwende zu beobachten. Die WHO-Richtlinien für Feinstaub werden an fünf Tagen pro Woche überschritten, das Risiko der vorzeitigen Sterblichkeit (also des Todes vor Ablauf der durchschnittlichen Lebenserwartung) ist um drei Prozent erhöht. Schuld an der negativen Entwicklung sind der Klimawandel, vermehrte Waldbrände und mehr Verkehr. Die Zahl der Fahrzeuge im Valle de México hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt.

Gerade der kleine, extrem gesundheits­schädliche Feinstaub der Größe PM2,5 wird immer mehr zum Problem. Im September 2016 warnte die »Umweltkommission der Megalópolis« (CAME), dass eine Bestimmung der PM2,5-Werte aufgrund teils schlecht ausgestatteter Messstationen nur unzureichend möglich sei. Um die Luftqualität besser zu überwachen, wurden dem Umweltministerium 150 Millionen Pesos zur Verfügung gestellt. Was damit geschah und warum im Mai nicht schneller vor den hohen PM2,5-Werten gewarnt wurde, ist unklar.

Dem Umweltalarm folgten behördliche Aktivitäten. Am 22. Mai stellten die Regierungen von Mexiko-Stadt und dem angrenzenden Bundesstaat zusammen mit der CAME mehr als 60 neue Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung vor, die sich an die Industrie, den Verkehrssektor und die Bevölkerung richten. Ein PM2,5-Notfallplan wurde erstellt sowie ein neues ­Phasenmodell für den Umweltnotstand.

In das Phasenmodell integriert ist eine neue Präventivphase zum Schutz der Bevölkerung. Sie tritt in Kraft, wenn mit einer mindestens 70prozentigen Wahrscheinlichkeit für den Fol­getag prognostiziert wird, dass die Ozon- und Feinstaubwerte 140 beziehungsweise 135 Punkte im sogenannten Luftqualitätsindex überschreiten werden. Dann werden Warnungen herausgegeben, wie etwa keinen Sport im Freien zu treiben. Zudem sollen in der Stadt und im Bundesstaat Mexiko 50 Prozent der Regierungsfahrzeuge in der Garage bleiben. Phase I tritt in Kraft bei Ozon- und Feinstaubwerten von über 150 Punkten, Phase II bei über 200 Punkten. In Phase I gilt für alle Regierungsautos, immerhin 300 000 Fahrzeuge, ein Fahrverbot. Ab Phase II werden Schulunterricht und Veranstaltungen im Freien abgesagt. Auch die »Fase Combinada« kam neu hinzu: Sie wird ausgerufen, wenn sowohl die Ozon- als auch die Feinstaubkonzentration stark erhöht ist.

Am 4. Juni präsentierte die CAME weitere Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität im Valle de México. Neben Mexiko-Stadt sollen alle sechs Bundesstaaten der Megalopolis mitmachen. Zunächst als Sofortmaßnahmen angekündigt, werden die meisten laut eines aktuellen Statements der CAME ab Anfang 2020 sukzessive eingeführt. Angestrebt wird eine Verringerung der Feinstaubkonzentration um 26 Prozent sowie von flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs), Vorläuferschadstoffen für die Bildung von Ozon, um 46 Prozent. So sollen die Mengen von Flüssiggas, von VOCs in Löse- und Reinigungsmitteln, Farben, Sprays und Industrieemissionen reduziert werden, es gibt auch Maßnahmen zur Verhinderung von Waldbränden. Es wird geschätzt, dass über 90 Prozent der Waldbrände von Menschen verursacht werden.

Indes bleibt der Verkehr eines der größten Probleme der mexikanischen Hauptstadt. Täglich verstopfen 4,5 Millionen Fahrzeuge die Straßen, in 58 Prozent davon fahren Menschen zur Arbeit, sie sind durchschnittlich mit 1,5 Personen besetzt. Die Behörden haben sich einiges einfallen lassen, um den Straßenverkehr einzuschränken. Bereits bestehende Programme limitieren die Nutzung privater Fahrzeuge und die Vorgaben für den CO2-Ausstoß von Neuwagen werden verschärft. Neben einer stärkeren Kontrolle von Fahrzeugen, inklusive höheren Bußgeldern für Dreckschleudern und einer strengen zeitlichen Begrenzung des LKW-Verkehrs, werden die Bewohner des Valle de México ermuntert, Umweltverschmutzer zu denunzieren. Regierungsautos bleiben freitags stehen, Behörden und Unternehmen sollen die Arbeit im Homeoffice und Carsharing fördern. In den öffentlichen Verkehr wird investiert, damit ihn mehr als die bisherigen 67 Prozent der Bevölkerung nutzen: Neue Metrobus- und Seilbahnlinien sind ebenso geplant wie die Ausweitung der Metro-Linie 12, emissionsfreie Taxis, die Einführung einer Prepaid-Karte für öffentliche Verkehrsmittel sowie die Förderung des Radverkehrs durch neue Radwege und mehr Verleihstationen.

Der Umweltschützer Ricalde findet lobende, aber auch mahnende Worte: »Die Maßnahmen der CAME, vor allem die Förderung des öffentlichen Verkehrs, sind positiv zu bewerten, doch ihre Ausführung benötigt ein größeres Budget und eine Aufstockung der Mitarbeiterzahl. Zudem sollte die Regierung aufhören, immer mehr Straßen und einen zweistöckigen Autobahnring rund um die Stadt zu bauen.«

Die CAME versucht auch, die Bewohner der Metropolregion zum Nachdenken und Mitmachen zu bewegen. Ein Bürgerbriefkasten wurde eingerichtet, über den die Öffentlichkeit im Juni die insgesamt 14 Maßnahmen bewerten und eigene Vorschläge zur Verbesserung der Luftqualität machen konnte. Diese werden ausgewertet und sollen in die neuen Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität fließen.

Ein neues Umweltbewusstsein könne den autoversessenen Mexikanern nicht schaden, sagt Jonch: »Wir Mexikaner müssen umdenken. Nicht alles kann die Politik regeln, jeder einzelne muss mehr für die Umwelt tun.« Vielleicht gelingt es der CAME, die Bürger in den Prozess einzubeziehen – damit sich der Himmel über dem Hochtal von Mexiko in Zukunft nicht noch öfter durch Smog verdunkelt.