Buch - Karpatenkarneval

Rausch mit Programm

Der 1992 in der Ukraine erschienene erste Roman des Lyrikers, Schriftstellers und Übersetzers Juri Andruchowytsch liegt endlich auch in deutscher Übersetzung vor. »Karpatenkarneval« erzählt von einem wüsten Gelage in der Zeit des Übergangs von der repressiven Sowjetunion in eine noch unbestimmte Zukunft und galt der unflätige Sprache wegen bei seinem Erscheinen als literarischer Skandal.

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Vier Dichter sind auf den Weg zum »Fest des Auferstehenden Geistes«, das im fiktiven Ort Tschortopil (»Teufelsburg«) in den Karpaten stattfinden soll. Zu Anfang geht alles noch seinen sozialistischen Gang: Der Westler mit dem US-amerikanischen Wagen wird zur Sehnsuchtsfigur, ein neugieriger Mann wird verdächtigt, für den Geheimdienst zu arbeiten, und das straff organisierte Festprogramm richtet sich an die verehrten Genossen. Doch schnell verliert sich diese Ordnung im karnevalesken Rausch. Es wird gesoffen, geflucht, geprügelt und gevögelt. Die Figuren lassen sich durch die wilde Nacht treiben. Einer der Männer versackt im Bordell, ein anderer landet auf einem spießigen Ball, der in einer satanischen Messe mit Tieropfer endet. Wo auch immer sie hinkommen, werden die Dichter mit Respekt behandelt und als Vertreter einer patriotischen Kulturerneuerung gefeiert, auch wenn sie sich hemmungslos betrinken und daneben benehmen. Dass die Befreiung von der sowjetischen Macht die Sehnsucht nach »nationaler Identität« und Folklore weckt, wird von Andruchowytsch satirisch gedeutet: Einer der Dichter lässt sich im Zelt mit der Aufschrift »Monsterfabrik. Wunscherfüllung« eine Kosakenlocke frisieren. Der Roman lässt die Zukunft der postsowjetischen Ukraine offen, ebenso die Rolle, die die Vergangenheit, der Nationalismus und der kapitalistische Westen spielen werden. Diese Unbestimmtheit beschreibt Andruchowytsch meisterhaft, genauso wie die Angst, dass bald wieder die Panzer rollen, um das Spiel zubeenden. Der Roman aus den Umbruchjahren ist leider noch immer aktuell.

Juri Andruchowytsch: Karpatenkarneval. Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Suhrkamp, Berlin 2019, 172 Seiten, 16 Euro