Homestory # 47

Eine Zeitung wird selbstverständlich am Computer gemacht, steifer Nacken, rote Augen und Sehnenscheidenentzündung inklusive. Doch die Zeitung, die Sie jetzt gerade in den Händen halten, wurde nicht nur einmal ausgedruckt, sondern gleich mehrere Male. Genau genommen wird jeder Text, den Sie in dieser frischen Ausgabe lesen können, mindestens fünf Mal auf Papier herumgereicht. Als Fahnen flattern die Artikel tagelang durch die Redaktionsräume Ihrer Lieblingszeitung, bevor das Ganze in die Druckerei geschickt wird.

Anzeige

So eine Fahne sieht am Ende oft aus, als würde sie bluten. Das liegt am Rotstift, mit dem Korrekturen und andere Änderungen markiert werden (wobei diese Stifte immer knapp sind, obwohl sie regelmäßig in großen Mengen nachgekauft werden). Als besonderes Texteschlachthaus ist das Lektorat bekannt, dessen Tür seit kurzem passenderweise eine besondere Dekoration schmückt: Von unserer letzten Halloweenparty war ein großes Poster übriggeblieben, auf dem der dunkle Schatten einer Figur zu sehen ist, die direkt aus einem Film von John Carpenter auf das Papier ­gesprungen sein könnte, mitsamt des Hackebeils in der Hand. Jetzt prangt es an der Pforte zur Korrektur.

Nun müssen die Fahnen aber irgendwo hin, nachdem die Korrekturen eingegeben wurden. Die Kolleginnen und Kollegen haben da ganz unterschiedliche Systeme der Lagerung und Entsorgung entwickelt. Manche falten das A3-Blatt und legen es fein säuberlich auf ihrem Schreibtisch ab. Andere werfen das Ding sofort in den Müllkorb, und bei wieder anderen ist der Tisch übersät mit Papier.

Der Chef vom Dienst hat es besonders schwer mit den Fahnen, muss er sie doch stapelweise im Blick haben und nacheinander abarbeiten. Zum Glück trinkt er während der Arbeit gerne ein äußerst bekanntes und beliebtes Erfrischungsgetränk. Geleerte Flaschen stehen eng an eng auf seinem Tisch und sind hoch genug, um die ­Blätter dazwischen zu stecken. So wird aus Chaos eine praktische Büroeinrichtung. Um die Fahnen werden wir uns dann allerspätestens bei unserem nächsten Subbotnik kümmern.