Die mitreißende Musikdokumentation »Amazing Grace« über Aretha Franklin

Amazing Aretha

1972 nahm Aretha Franklin ihr Gospelalbum »Amazing Grace« in einer Kirche in Los Angeles auf. 47 Jahre später zeigt die gleichnamige Musikdokumentation den Filmmitschnitt der Aufnahmen, die vermutlich kein Auge trocken lassen werden.

»Der nächste Song bedarf keiner Einleitung«, sagt Reverend James Cleveland im Januar 1972 in der New Temple Missionary Baptist Church in Los ­Angeles dem Publikum, bevor er die ersten Töne von »Amazing Grace« auf dem Piano anstimmt. »Letztens, während der Proben, hat Aretha ihn gesungen. Als sie zu der Stelle kam, an der es ›durch viele Gefahren‹ heißt, sah ich, wie ihr die Tränen in den Augen standen. Denn vor 20 Jahren hätten wir doch nie gedacht, dass Gott große Dinge für uns tun würde.« Und auch bei der Live-Premiere vor Publikum bestimmt die Macht der Musik die Emotionen: Mitten im Song bricht zuerst der Pianist Cleveland in Tränen aus und muss sein Spiel unterbrechen, kurz darauf ist es die Sängerin Aretha Franklin selbst, die sich sichtbar aufgewühlt auf einer Kirchenbank niederlässt. Beide fangen sich nach kurzem Innehalten wieder und beenden den elfminütigen Song schließlich weinend und schwitzend Hand in Hand.

Man sieht die damals 29jährige Aretha Franklin mal cool und professionell, mal überwältigt von ihren Emotionen eine Reise in ihre eigene Vergangenheit antreten.

Auf dem gleichnamigen Album, das aus diesen Aufnahmen an zwei Abenden in Los Angeles entstand, ist die emotionale Herausforderung für die Beteiligten zwar zu erahnen, nicht aber in der Intensität, die der Dokumentarfilm »Amazing Grace« einfängt, der kürzlich mit einigen Jahrzehnten Verspätung fertiggestellt wurde. Warner Brothers hatte den damaligen Regiestar Sydney Pollack beauftragt, die Aufzeichnung des ersten Gospel-Albums von Aretha Franklin zu dokumentieren, die 1972 dank Hits wie »Respect« oder »(You Make Me Feel Like) A Natural Woman« schon als »Queen of Soul« galt. Pollack war 1970 mit seinem Tanzdrama »They Shoot Horses, Don’t They« für den Regie-Oscar nominiert worden und sollte mit seinem Namen für den geplanten ersten Kinomusikfilm über eine afroamerikanische Künstlerin Aufmerksamkeit generieren.

Schweiß rinnt ihr über das Gesicht: Aretha Franklin in »Amazing Grace«.

Bild:
Amazing Grace / Weltkino
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Leider war Pollack offenbar zu sehr in anderen Projekten eingespannt, oder es fehlte ihm schlicht an Motivation, der Film scheiterte jedenfalls an einem Anfängerfehler: Pollack hatte es versäumt, Klappen einzu­setzen, so dass die Synchronisation von Ton und Bild später nicht möglich war, was bei einem Musikfilm umso dramatischer ist. »Ich hatte keine Erfahrung von Dokumentarfilmen, aber ich war aufgeregt, Ihre Aufnahmen zu begleiten«, schrieb er 1998 in einem Brief an Franklin. ­Obwohl mit Alexander Hamilton der Dirigent des Southern California Community Choir, des Gospelchors, der Franklin bei den Aufnahmen ­begleitet hatte, hinzugezogen wurde, um durch das Lesen der Lippen die Bilder in Einklang mit den Tonaufnahmen zu bringen, musste das ­Unternehmen nach kurzer Zeit abgebrochen werden und das Filmmaterial landete im Archiv von Warner. Der erwähnte Brief von Pollack an Franklin war der Versuch, das Material viele Jahre später doch noch zu einem Film zusammenzufügen: »Dafür hatte ich einen jungen Mann, der versuchte, die Spuren zu synchronisieren, was ein enormer Job war, da alle fünf Kameras wahllos filmten. Es gibt wunderbare Aufnahmen von Ihnen, dem Chor, Ihrem Vater und dem Publikum. Manche von den Songs selbst, manche dazwischen.« Der erwähnte junge Mann ist der Produzent Alan Elliott, der irgendwann in die Rolle des Co-Regisseurs von »Amazing Grace« wechselte und in einem zehnjährigen Arbeitsprozess mithilfe digitaler Technik die Synchronisation von Ton und Bild ­bewerkstelligt hat.