Von Bienen und Schmetterlingen - Die Boxkolumne

Gefährlicher Luxus

Kolumne Von

Die Etablierung des Sporttreibens aus reinem Vergnügen war purer Luxus. Nur ein kleiner Teil der Gesellschaft konnte sich die Marotte des Kräftemessens beim Polo, Rudern oder Dressurreiten leisten. Wettlaufen, Boxen und Ringen waren im 17. Jahrhundert dagegen beliebte Freizeitbeschäftigungen der Unterschicht. Der proletarische Zeitvertreib galt als brutal und obszön.

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Das Argument von der Brutalität des Boxens lässt sich nur schwer entkräften. Allein in den vergangenen sechs Monaten starben vier Boxer bei der Ausübung ihres Berufes, darunter Hugo Alfredo Santillán. Bereits bei der Urteilsverkündung nach seinem Kampf Ende Juli in Buenos Aires verlor der argentinische Superleichtgewichtler mehrfach das Bewusstsein, im Krankenhaus fiel er ins Koma und starb.

Kurz zuvor hatte Santillán in Hamburg gegen Artem Harutiunian geboxt; wegen mehrerer schwerer Treffer verhängte der Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) nach dem Kampf eine Schutzsperre gegen Santillán. Zehn Tage vor deren Ende boxte er wieder; vom Trainer, der ihm davon abriet, trennte er sich.

Harutiunian sagte, er habe schon während des Kampfs Mitleid gehabt und gedacht, dass man ihn hätte abbrechen sollen. »Es ist ein Riesenproblem, dass Ringrichter und Ringärzte Kämpfe zu lange laufen lassen«, so der deutsche Olympia-Dritte. Gerade Boxer ohne professionelle Begleitung geraten schnell in Gefahr, wie auch das Beispiel Boris Velischkows zeigt. Der bulgarische Boxer starb im September nach einem Kampf in Shkodra in Albanien. Angemeldet war er unter dem Namen seines Cousins Isus. Im Ring hatte der Bulgare eine Reihe von Kopftreffern kassiert. In solchen Fällen wirft ein guter Trainer sofort das Handtuch. Dem steht jedoch das Interesse des zahlenden Publikums entgegen, das Blut sehen will. Der Sport ist für diese Zuschauer Luxus; es ist die Zeit, in der sie einmal der Chef sind und nicht ihre Vorgesetzten oder Sachbearbeiter im Arbeitsamt. Der rasante Aufstieg weitaus unzivilisierterer Kampfsportarten wie K1 oder MMA ist ein untrügliches Zeichen für die bestehende Nachfrage. Daran wird sich solange nichts ändern, wie Verhältnisse herrschen, in denen, wie Marx schrieb, »der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«.