Marion Messina ist der neue Houellebecq

Verlorene Illusionen

Schreiben wie Houellebecq: Marion Messinas erstaunlicher Roman »Fehlstart«.

Obwohl schon im Klappentext erwähnt wird, dass Marion Messina in einer »Reihe mit Virginie Despentes und Michel Houellebecq« stehe, hat man damit nicht gerechnet: Messina klingt wie der große Provokateur der französischen Literatur. »Alejandro war mit dem trockenen Mund und dem Halbsteifen eines verkaterten Morgens aufgewacht«, heißt es im ersten Satz ihres Debütromans »Fehlstart«. In das unbehagliche Universum unbefriedigten männlichen Begehrens dringt alsbald die orientierungslose Erstsemesterstudentin Aurélie ein. Alejandro und Aurélie werden ein ungleiches Paar.

Marion Messinas strauchelnde Protagonistin ist in einem Literaturbetrieb, der gefühlt jeden Monat ein Dutzend Almanache starker Frauen auf den Markt wirft, fast schon eine Provokation.

Eine Parodie? Nicht ganz. Die ­junge in Grenoble geborene Autorin hält den Sound aus Lakonie, Ironie und Härte nicht nur Seite um Seite durch, sondern treibt ihre Erzählung vom Stranden einer jungen Frau im Moloch Paris so entschlossen auf den Abgrund zu, dass man über ­ihrer Coverversion das Original vergisst. Warum sollte, was im Pop funktioniert, in der Literatur ein Problem sein?

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Zwischen Aufbruch und Scheitern der Protagonistin liegen nicht einmal zwei Jahre: Aurélie ist zu Beginn des Romans 18, lebt noch in den beengten kleinbürgerlichen Verhältnissen der elterlichen Wohnung in Grenoble, wo sie leidenschaftslos ein Jurastudium beginnt. Damit nährt sie die Illusion der von Bildungsfragen überforderten Eltern, dass sie eine sichere berufliche Perspektive verfolge. Alejandro wird ihre erste große Liebe. Dem Studenten aus ­Kolumbien begegnet sie mit einem Mikrofasertuch in der Hand in der Reinigungsbrigade, in der beide jobben. Er erinnert sich später, dass er bei der ersten Begegnung zuerst den Hintern der den Boden saugenden Aurélie gesehen hat.

Nicht dass Aurélie gerne putzen ginge, aber der Job hat gegenüber dem Hörsaal den Vorteil, dass sie dort jeden Morgen wiedererkannt wird. Von dem Geld lädt sie ihre Mutter zum Vietnamesen ein und zahlt den Kredit für den Führerschein ab. In der Theorieprüfung kann sie mal so richtig glänzen, ihre Vorlesungen besucht sie immer seltener, Alejandro wird das »Zentrum ihres Universums«. Als er an der Universität Lyon 2 angenommen wird, trennen sich ihre Wege. Dass sie ihm dorthin folgt, möchte er nicht, und sie lässt ihn enttäuscht ziehen. Rund ein Jahr später begegnen sie einander in Paris erneut.

Abwechselnd wird von Aurélie und Alejandro erzählt. Irgendwann bleibt der Fokus der Erzählung bei ihr stehen. Zweifellos ist sie die Hauptperson des Romans, ihre Geschichte spiegelt sich in der des an ihr vorbeiziehenden Studenten. Aleandro ist lediglich ein Medium. In einem Houellebecq-Roman wäre Aurélie die Nebenperson gewesen, eine der achtlos liegengelassenen Frauen eines chronisch frustrierten Mannes, dem die weibliche Hingabe erst gefällt, irgendwann aber lästig wird. Ein typisches Opfer männlicher Dominanz ist Aurélie deswegen nicht.

Andere Männer kreuzen ihren Weg. Mit dem 20 Jahre älteren Betriebswirt und Wohnungseigentümer Franck beginnt sie ein Verhältnis, um dem Elend des provisorischen Lebens in einem Jugend­hostel in ­Paris zu entgehen und endlich ein Dach über dem Kopf zu haben. Er wünscht sich nichts sehnlicher als eine dauerhafte Beziehung, sie dagegen tröstet sich mit ihm über ihren Liebeskummer hinweg und verlässt Franck auf der Stelle, als sie Alejandro wiedertrifft.

Die aufgewärmte Beziehung treibt auf ihr trostloses Ende zu. Während Alejandros Plan, als Fachübersetzer zu arbeiten, bereits ­Gestalt annimmt, reibt sich die immer desillusioniertere Aurélie an den absurden Forderungen einer Tätigkeit als Empfangshostess auf Abruf an wechselnden Standorten in einem zersplitterten, elitären Paris auf. Das Jurastudium dient lediglich als Vorwand, um sich in Paris aufzuhalten, und taucht bald nur noch als Stichwort in den Motivationsschreiben auf, mit denen sie sich als Promoterin oder Call­center-Agentin bewirbt. Es sind von Marketingabteilungen großer Unternehmen erdachte Jobs, die in ihrer Blödigkeit die Würde der Person verletzen. ­Soziale Scham, Vereinzelung, Depression und Angststörungen als Phänome des urbanen Lebens, wie sie die Einsamkeitsforschung ins­besondere bei der Gruppe der 20- bis 30jährigen feststellt, erfahren in »Fehlstart« ihre Würdigung.

Messinas strauchelnde Protagonistin ist in einem Literaturbetrieb, der gefühlt jeden Monat ein Dutzend Almanache starker Frauen auf den Markt wirft, fast schon eine Provokation. Zudem kratzt das Buch gehörig an dem von Film und Literatur genährten Studentenmythos, demzufolge die Studienzeit der ­beste aller Lebensabschnitte sei. Auch in den Romanen Houellebecqs ist es die glückliche Zeit der Ausschweifungen.

Aurélie ist dagegen wie die Friseurin Beatrice in Pascal Lainés Roman »Die Spitzenklöpplerin« von 1974 Angehörige einer Klasse, an der die ­sexuelle Revolution nahezu spurlos vorbeigegangen ist. Insgeheim hängt Aurélie wie Beatrice (in der Verfilmung gespielt von Isabelle Huppert) dem traditionellen Beziehungs­modell der Elterngeneration an und sieht in den vielfältigen sexuellen Möglichkeiten, die ihrer Generation zugefallen sind, nur einen schalen Abklatsch der Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt. »Sie«, heißt es über Aurélie, »hatte das Spiel der New-Age-Beziehung mit grenzen­loser Hingabe und ohne jede Perspektive mitgemacht. Keine Verantwortung, keine Verpflichtung, ein an der Logik der Mobiltelefonie-Angebote orientiertes Sexualleben.«

Die Schriftstellerin und ehemalige Lehrerin Annie Ernaux, Jahrgang 1940, die als Krämertocher zu den sogenannten Bildungsaufsteigerinnern gehört und voller Wertschätzung über die politischen Ideen und gesellschaftlichen Reformen schreibt, die ihr eine Karriere ermöglicht ­haben, berichtet an einer Stelle über eine Begegnung im ­Supermarkt. In der Frau hinter der Kasse erkennt sie eine ehemalige Schülerin, der Aufstieg durch Bildung ist in den nachfolgenden Generationen nicht einfacher geworden. Marion Messina lässt in ihrem ersten Roman die junge Frau sprechen, die mit Abitur hinter der Kasse oder dem Empfangstresen sitzt, ­erstaunlicherweise mit der Stimme des Michel Houellebecq.

Marion Messina: Fehlstart. Aus dem ­Französischen von Claudia Steinitz. ­Hanser, ­München 2020, 166 Seiten, ­18 Euro