Es braucht ein besseres Verständnis sozialer Kämpfe

Die Not macht keine Tugend

Wenn die Klasse der Lohnabhängigen nicht durch ihre Kämpfe sichtbar wird, kann man sich nicht beliebig nach dem »Wünsch dir was«-Prinzip ein neues Subjekt emanzipatorischer Politik zusammenstellen.

diskoMit Klasse ins neue Jahrzehnt? Was muss die Linke tun, um Erfolg zu haben? Johannes Simon findet, es sei Zeit, sich wieder an der Arbeiterklasse zu orientieren (»Jungle World« 2/2020). Martin Brandt kritisiert die »neuen Klassenpolitik« (3/2020). Lothar Galow-Bergemann richtet den Blick auf die konkrete Frage der Arbeitszeitverkürzung (4/2020). Christopher Wimmer fordert die Selbstorganisierung im Klassenkampf (5/2020). Gaston Kirsche misstraut den Deutschen (6/2020), selbst wenn sie Arbeiter sind. Ernst Lohoff  kritisiert die Verwässerung des Klassenbegriffs durch die »neue Klassenpolitik« (7/2020).

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Martin Brandt behauptet, dass der Klassenkampf dem Kapitalismus ­immanent bleiben müsse (Jungle World 3/2020). Lothar Galow-Bergemann sagt, der Klassenkampf sei »eine Nummer zu klein für die notwendigen ­gesellschaftlichen Auseinandersetzungen« (Jungle World  4/2020). Ernst ­Lohoff lieferte dafür die wertkritische Begründung (Jungle World 7/2020). Der reife Marx habe in seiner Kritik der politischen Ökonomie erkannt, dass es sich bei den Klassen der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt nur um die »Personifikation ökonomischer Kategorien« (Marx) handele und das Klasseninteresse der Arbeiterinnen deshalb »ein rein immanentes« (Lohoff) sei, sich auf Lohn und Arbeitszeit beschränken würde.

Nun schreibt Marx weder an der von Lohoff angeführten Stelle noch sonst irgendwo, dass das Klasseninteresse der Arbeiterinnen und Arbeiter ein rein immanentes sei. Aber selbst wenn eine solche Aussage von Marx verbürgt wäre, bliebe die Frage offen, warum dem so sein sollte. Warum sollten die Pro­letarisierten nicht weitergehen und ihre Reduktion auf die Kategorie des Arbeitskraftverkäufers und damit Ausbeutung und Unterwerfung – die wahrscheinlich auch Lohoff nicht leugnen wird – selbst überwinden wollen? Die Autoren bleiben eine Antwort darauf schuldig und verdinglichen das Proletariat zu einer festen, unveränderlichen Identität – eigentlich wie die kritisierte Arbeiterbewegung, lediglich unter umgekehrten Vorzeichen.

Klassenbewusstsein entsteht im Konflikt, wenn sich Teile der unterdrückten Klasse ihrer kollektiven Macht bewusst werden.

Hat man sich so vom Proletariat als potentiell revolutionärem Subjekt verabschiedet, stellt sich die Frage nach neuen emanzipatorischen Kräften. So geht es Lohoff um die »Neuformulierung einer vielfältigen gesellschaftlichen Emanzipationsbewegung jenseits identitärer Fixierungen«, während Galow-Bergemann vorschwebt, Kämpfe für eine radikale Arbeitszeitverkürzung, Wohnen, Migration und andere zu einer »antikapitalistischen Trans­formationsbewegung« zu verbinden, die »immer mehr Lebensbereiche – Verbrauchsgüter, Wohnen, Gesundheit, Bildung, Wissenschaft, Kultur – der Marktlogik entziehen« würde. Es mutet paradox an, dass ein zentrales Ziel der Arbeiterbewegung – die Arbeitszeitverkürzung – nach deren Entsorgung hier nun als Dreh- und Angelpunkt einer ansonsten nach dem »Wünsch dir was«-Prinzip zusammengestellten »Transformationsbewegung« wieder auftaucht.

Überhaupt drängt sich die Frage auf, was die Subjekte dieser erhofften Bewegung denn in ihrem Werktagsleben treiben. Handelt es sich nicht um die zuvor auf ihre immanenten Interessen vereidigten Lohnarbeiterinnen und -arbeiter, die sich unseren Wertkritikern unter der Hand in Subjekte der großen Veränderung verwandelt haben? Wie können wir uns diesen mysteriösen Wandlungsprozess erklären? Es müssen wohl die von ihrem bornierten Klasseninteresse emanzipierten citoyens sein – Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich ihre Arbeiter­identität aus dem Kopf geschlagen haben.
Einmal von dieser Beschränkung befreit, scheint alles möglich. Dann könnten ganze Lebensbereiche der »Marktlogik« entzogen werden, ohne auch nur einen Gedanken auf die in diesen Bereichen Tätigen zu verschwenden und zu überlegen, auf welcher praktischen Grundlage diese Reorganisation der Produktion überhaupt stattfinden soll oder wie sie gegen das Kapital und seinen Staat durchgesetzt werden könnte. Es ist am Ende nur folgerichtig, dass es alternativökonomische Konzepte (commons, solidarische Ökonomie) sind, die den Fluchtpunkt der Galow-Berge­mann’schen »Transformationbewegung« darstellen, da die Aneignung der gesellschaftlichen Arbeit durch die Produzierenden erklärtermaßen jenseits von deren Interessen liegt.

Diese Perspektive trennt die Bewusstseinsbildung der Menschen von ihren sozialen Existenzbedingungen und glaubt damit die Grundlage für Emanzipationsbestrebungen nicht mehr in den antagonistischen Produktionsverhältnissen, sondern im politischen Ideenhimmel finden zu können. Dieses Denken ist Ausdruck der gegenwärtigen Schwäche der Klasse der Lohnabhängigen, die dadurch jedoch lediglich weiter verfestigt wird, während die entscheidenden Fragen danach, wie diese Situation überwunden werden kann, theoretisch gebannt werden. Die präsentierte Scheinlösung macht aus der gegenwärtigen Not eine Tugend und führt so keinen Schritt weiter.

Anstatt sich also wortreich vom Proletariat zu verabschieden, nur um es – von seiner »Klassenidentität« gereinigt – als citoyen wiederauferstehen zu lassen, sollte sich die Diskussion auf die Frage konzentrieren, woher der jämmerliche Zustand der proletarischen ­Organisierung rührt und wie die zu Recht als beschränkt kritisierten Formen des Klassenkampfes überwunden werden können.
Wie in der Diskussion bereits vielfach angemerkt, brachte der Druck stagnierender Kapitalakkumulation die Proletarisierten in den vergangenen Jahrzehnten dauerhaft in die Defensive. Das geringe Niveau der gegenwärtigen Klassenauseinandersetzung ist in hohem Maße Resultat der Demoralisierung, Fragmentierung und Prekarisierung der Klasse. Im Zuge des Abschwungs wurde militante Gegenwehr zugunsten einer an der Wettbewerbsfähigkeit des Kapitals orientierten Politik aufgegeben, die Arbeitsplätze durch Zugeständnisse bei Löhnen und Arbeitsbedingungen retten sollte. Nicht nur war diese Politik selten erfolgreich und wenn, dann nur um den Preis verschärfter Ausbeutung – sie transformierte dadurch den Klassenkonflikt mehr und mehr in einen Verteilungskonflikt zwischen verschiedenen Gruppen von Lohnabhängigen.

Gleichzeitig erzeugen gestiegene ­Arbeitslosigkeit und Prekarität strukturell Konformitätsdruck, setzen die Arbeiterinnen und Arbeiter in verschärfte Konkurrenz zueinander und erschweren so die Ausbildung der für Widerstand und Bewusstseinsbildung notwendige Kollektivität. Dies ist deshalb so gravierend, weil das Klasseninteresse der Proletarisierten eben kein gegebenes Faktum ist, zu dem es die kritisierten Autoren machen. Den ­Arbeiterinnen und Arbeitern sind ihre Interessen nicht einfach gegeben und dieser Umstand resultiert aus dem Klassenverhältnis selbst. Die sozialen und materiellen Lebensbedingungen der Lohnabhängigen sind geprägt von Erfahrungen der Vereinzelung und Entfremdung im Arbeitsprozess und die Produktionsweise erscheint ihnen zunächst in mystifizierten und fetischisierten Formen. Erst in einem Prozess der kollektiven Verständigung können bornierte Bewusstseinsformen und das egoistische Interesse des ­Arbeitskraftverkäufers Formen von Klassen­solidarität weichen. Klassenbewusstsein entsteht im Konflikt, wenn sich Teile der unterdrückten Klasse ihrer kollektiven Macht bewusst werden und erfahren, dass der scheinbar natürliche Rahmen der gegebenen Ordnung veränderlich ist.

Wann und wie aber kommt es zu diesen Prozessen der Bewusstseinsbildung, die das Potential haben, die ­gegenwärtige systemimmanente Orientierung zu überwinden? Die Geschichte zeigt, dass Klassenkämpfe in Wellen verlaufen. Auf Phasen heftiger Kämpfe folgen Jahrzehnte von niedriger Aktivität. Während in Zeiten der Schwäche das konservative, immanente Bewusstsein vorherrscht, kann in den Hochphasen des Klassenkampfes revolutionäres Bewusstsein auf breiter ­Basis gedeihen. Katalysator dafür sind die Erfahrungen der Arbeiterinnen und Arbeiter selbst, die nicht konsistent, sondern immer widersprüchlich sind. Momente der Anpassung an die Herrschaft existieren neben rebellischen Impulsen und kritischen Einsichten in die Funktionsweise des Bestehenden. Wenn massenhafte Selbstaktivität der Proletarisierten an die Stelle der allgemeinen Passivität tritt, dann kann sich auch die Orientierung des Bewusstseins ändern und die kritischen und umwälzenden Momente werden plötzlich realitätsgerecht. Eine solche Situation lässt sich nicht durch linke Bewegungsstrateginnen und -strategen herbeiführen, sondern entsteht, wenn Leute nicht länger bereit sind, die zunehmende Dysfunktionalität des ­Systems ohne Widerspruch zu ertragen.

Wie Kirsche schon schrieb, gilt es deshalb, sich an Kämpfen zu beteiligen, wo diese entstehen, statt am Schreibtisch Strategien zu spinnen. Zugleich müssen wir die gegenwärtige Organisation der gesellschaftlichen (Re-)Produktion analysieren und verstehen, welche Trennungen und Blockaden einer Selbstorganisation der Klasse im Wege stehen und wie diese überwunden werden können. Wie können etwa die Versuche proletarischer Selbstorganisation in den wilden Straßenbewegungen von Chile bis Irak, die meist von den fragmentierten Rändern der Klasse ausgehen, auf die stärkeren Kerne der Lohnabhängigen in der Produktion übergreifen? Wie können – wie im Falle Amazon – die vom transnationalen ­Kapital Ausgebeuteten sich selbst transnational organisieren? Die Frage der Organisation und Strategie kann nur innerhalb dieser Auseinandersetzungen sinnvoll diskutiert werden. Solche als »systemimmanent« abzulehnen, wäre nicht weniger als eine apriorische Absage an den für eine revolutionäre Bewegung notwendigen Verständigungsprozess. Denn nur in Klassenkämpfen können Arbeiterinnen und Arbeiter beginnen, ihre Rolle als Lohnabhängige in Frage zu stellen, sich selbst als gesellschaftliche Produzentinnen und Produzenten begreifen und so ein Begehren nach einer anderen Produktions- und Lebensweise entwickeln.