Der letzte linke Kleingärtner plant Coronareisen in die grüne Idylle

Coronareisen in die grüne Idylle

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 62
Kolumne Von

Der März ist immer eine hypersensible Zeit für mich als Kleingärtner. So langsam fängt des Gärtners Rad wieder an, sich zu drehen. Mit einem perfekten Plan in der Tasche will man raus. Weggewischt sind all die Erfahrungen der Vergangenheit, wonach jeder Plan bereits auch die Gründe seines Scheiterns in sich trug. Diesmal wird alles anders und man sieht mal wieder in zeitlicher Ferne wie in naher Zukunft nur blühende Landschaften vor sich. Die kühle Temperatur ist dabei das geringste Problem, das den großen Taten des großen Kleingärtners noch im Weg steht. Der Regen ist der Übeltäter, der im Moment alles blockiert.

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Vor acht Monaten hätte ich ein Vermögen dafür bezahlt, das sagen zu können. Damals war es monatelang in vielen Regionen nicht nur trocken, sondern staubtrocken. Das betrifft den Metropolenbewohner nicht, für den das Wasser aus dem Hahn kommt. Aber unsereiner ist halt näher dran an der Natur und den Elementen. Ohne Wasser ist alles nichts. Ohne Wasser kein Wachstum.

Wenn die Fernreisen weniger werden, gibt es mehr Reisen zu naheliegenden Zielen.

Aber zu viel ist auch nicht gut. Die Balance ist entscheidend für das Gelingen einer jeden Party, auch dieser. Ein bisschen von allem – Wasser, Alkohol, sonstiges Dröhnzeugs –, und schon wippt man sich in steter Ausgelassenheit, aber auch mit innerer Zufriedenheit durch die Unbill des Lebens. Genauso funktioniert Gartenarbeit. Und da es im Moment zu viel regnet, sperrt sich auch mein eher sandiger Gartenboden gegen meine Bearbeitung.

Dem Regen sei Dank, kümmere ich mich dann eben um meine Hühner, die nach dem fiesen Habichtangriff (Jungle World 6/2020) und dem folgenden wochenlangen Zuspruch meinerseits wieder auf dem Weg der mentalen Besserung sind und den Beinaheverlust ihrer Kollegin einigermaßen verarbeitet haben. Also können sie jetzt tagsüber raus in den Garten, was ihnen sichtbar mehr Freude macht und für mich mehr Nutzen hat, da sie den Boden blankscharren, ihn ordentlich düngen und Schneckeneier fressen. Damit der Habicht und das sonstige Greifvogelgesindel möglichst keine Landefläche vorfinden, habe ich das Hühnergehege wieder mit spitzen Bohnenstangen zugestellt. Aber man kann nie sicher sein. Denn wie es kein ausbruchssicheres Gefängnis gibt und keinen fälschungssicheren Geldschein, so passen sich auch Raubvögel der schützenden Inobhutnahme der armen, kleinen, süßen Hühner an und finden irgendwann ein Schlupfloch, um tödlich zuzupacken, was wiederum ein von Flüchen angetriebenes Aufrüsten meinerseits nach sich zieht.

Aber vielleicht kommt im weiteren Jahresverlauf doch wieder alles anders und mein kosmischer Blick dreht sich weder um zu viel oder zu wenig Regen noch um Habichte. Der kleinste und gefährlichste Räuber, der zur Zeit unterwegs ist, und zwar der klitzekleinste, ist zweifellos das Coronavirus. Ich mache mir große Sorgen, dass es auf die Hühner überspringt. Das wäre fatal für meine Hühner, und weil dann die Eierproduktion zusammenbrechen würde. Weltweit.

Stattdessen schwant mir in meinem Kleingärtnerhirn ob des Coronazeugs schon wieder eine neue Geschäftsidee. Es ist offensichtlich, dass die wichtigtuerischen Reisen, das ganze Jetsetgetue, aber auch die Reisen, die aus anderen Gründen stattfinden, immer mehr eingeschränkt werden. Da kommt unsereiner ins Spiel. Wenn die Fernreisen weniger werden, gibt es mehr Reisen zu naheliegenden Zielen. Zum Beispiel Jungle World-Leserreisen in die Gartenwelt des letzten linken Kleingärtners. Da, wo die Welt noch in Ordnung ist und demnächst wieder in epischen Ausmaßen Grünzeug wachsen wird. Nicht das politische Grünzeug, sondern das nahrhafte und gesunde in meinem Garten. Grünzeug im Garten ist gesund, so erzählt es uns der allwissende Kleingärtner. Und wenn es gesund ist, so hilft es auch gegen Corona. Ganz bestimmt. Und roh ist es noch besser und noch gesünder, weil beim Kochen und Erhitzen die freundlichen Nährstoffe entweichen – so erzählt es uns jedenfalls die naturverbundene biologisch-kosmisch-dynamische Lehre, die sehr natürlich ist und die von sehr gesunden Menschen über den grünen Klee gelobt wird.

Und zur emotionalen Stärkung und vielleicht auch Belustigung der Reisegruppe lasse ich dann Bob Dylans »Shelter from the Storm« laufen. Das schafft Gänsehautatmosphäre bei der Besuchergruppe und lässt die Tränen, wie kleine Perlen der Sehnsucht, auf meinen Gartenboden kullern. Das könnte zwar wieder Ärger mit den linken Heimatkritikern geben, aber an Dylan trauen sie sich meist nicht ran. Zu Recht.

So hätte das Coronavirus doch noch sein Gutes und alles wäre dank Kleingärtners Hilfe wieder im zwischenmenschlichen Lot. Eines Tages, irgendwann am Ende der Dekade, liegen wir uns freudetrunken in den Armen und erzählen uns die große Geschichte von damals. Damals, als das Coronavirus uns alle zutiefst verunsicherte und wir voller erhabener Demut zum einzigen unter uns aufschauten, der sich nicht beirren ließ: dem letzten linken Kleingärtner. Und unseren Kindern und Enkeln erzählen wir mit zittriger Stimme: Ich war dabei.