Homestory #11

Homestory

Corona. Das böse C-Wort. Auch durch die heiligen Hallen Ihrer Lieblingszeitung wird es immer wieder geraunt. Nicht nur, weil sich das Schwerpunktthema dieser Ausgabe mit den ernsten Aspekten des neuartigen Virus befasst, das die Fachwelt SARS-CoV-2 nennt (der Begriff Corona bezeichnet eine ganze Virenfamilie), sondern auch, weil die Redakteurinnen und Redakteure sich persönlich betroffen fühlen. Eine nachgewiesene Infektion gab es hier zwar noch nicht. Doch die einen haben Angst um ihre Familie in Italien, an­dere haben an abgesagten Veranstaltungen oder verschobenen Urlaubsreisen zu knapsen.

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Aber es stimmt schon: Im Vergleich zu Menschen ohne Krankenversicherung oder Tagelöhnern, die sich schon allein aus ökonomischen Gründen krank zur Arbeit schleppen müssen, weil sonst kein Geld für Essen und Miete da ist, sind die schlecht bezahlten Mit­glieder des Jungle World-Kollektivs noch privilegiert. So privilegiert, dass eine Kollegin sich von dem ganzen Elend durch Shoppen ablenken wollte. Die Redakteurin jedenfalls hatte sich schwer verliebt in ein paar poppige Sportschuhe mit ein bisschen Weiß, ein bisschen Schwarz und einigen roten und grünen Applikationen. Und dann waren sie auch noch um fast 50 Prozent heruntergesetzt! Die Kaufentscheidung traf sich praktisch von selbst.

Aber, oh Schreck! Die Kollegin musste schnell feststellen, dass ihre neuen Sneakers irgendwie aussehen wie Adolf Hitler. Schaut man nämlich von oben auf sie herab, lässt sich mit etwas Phantasie in der schwarzen Spitze ein Hitler-Scheitel und in der schwarzen Lasche an der Zunge ein Hitler-Bart erkennen. Während sie noch grübelte, ob sie sich da nicht nur was einbildete, kam ein Kollege aus der ­Geschäftsführung des Wegs und sagte beiläufig: »Ach, du hast dir die Hitler-Schuhe gekauft?!«

Eine schnelle Recherche in einschlägigen Boulevardmedien bestätigte die schreckliche Erkenntnis. Im Internet wurden die Sneakers längst als »Hitler-Schuhe« verspottet. Und dass das Modell »Storm Adrenaline« heißt, trug auch nicht gerade zur Entlastung bei. Immerhin waren der spätere Puma-Gründer Rudolf Dassler und sein Bruder, der spätere Adidas-Gründer Adolf Dassler, seit Mai 1933 NSDAP-Mitglieder. Ihre Schuhfabrik stellte im Zweiten Weltkrieg unter Ausbeutung französischer Zwangsarbeiter für die Wehrmacht Panzerabwehrwaffen her.

Kein Wunder, dass das Modell stark preisreduziert war. Im offiziellen Onlineshop des Sportartikelherstellers soll die Variante schon nicht mehr erhältlich sein. Also Augen auf bei der Sneaker-Auswahl! Und natürlich weiterhin immer schön in die Armbeuge husten und niesen.