Die zweite mexikanische Fußballliga wurde faktisch abgeschafft

Einfach ausgesetzt

Die zweite mexikanische Fußballliga gibt es faktisch nicht mehr, die Folgen der Funktionärsentscheidung sind nicht absehbar.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Präsident eines Landes aufgerufen wird, den Fußball zu retten. Der Argentinier Ángel Cappa, der zusammen mit Jorge Valdano eine Zeitlang Real Madrid trainierte und auch in Mexiko als Trainer arbeitete, forderte die mexikanische Regierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador auf, einzugreifen, um ein Verschwinden der zweiten mexikanischen Fußballliga, der Ascenso MX, zu verhindern. »Es scheint mir, dass Mexiko mit einer demokratischen Regierung lebt, die in diesem Fall eingreifen müsste, weil es sich nicht nur um einen Angriff auf Fußballspieler handelt, sondern auch um eine Verletzung der Arbeitnehmer- und Menschenrechte«, schrieb Cappa. »Ich möchte Solidarität mit allen Spielern der Ascenso MX zeigen, wegen der Gewalttat, die sie durch die Maßnahmen der Bosse des mexikanischen Fußballs erleiden, die jeder bereits kennt und die über das Fußballerische hinausgehen.«

Anzeige

Was war passiert? In einer Videokonferenz Mitte April hatten Verbands- und Ligafunktionäre sowie die Clubeigner der ersten und zweiten mexikanischen Liga mit knapper Mehrheit beschlossen, Auf- und Abstieg für fünf Jahre auszusetzen. Begründet wurde dies mit der angespannten wirtschaftlichen Situation, die sich durch die Coronakrise noch weiter verschlechtert. Die Saison der Ascenso MX – wie der gesamte mexikanische Fußballbetrieb seit dem 15. März in Zwangspause – wird abgebrochen; einen Meister gibt es nicht.

Die zweite Liga sei nicht mehr rentabel gewesen, es habe zu wenige Stadionbesucher und zu geringe Fernseh- und Sponsoreneinnahmen gegeben, sagte der Präsident der Liga MX, der ersten Liga, Enrique Bonilla. »Die Ergebnisse sind nicht wie gewünscht, die Besucherzahlen sind auf durchschnittlich 5 000 in der gesamten Liga gesunken, es gibt Spiele vor 1 000 Zuschauern«, so Bonilla. Die bestbesuchten Partien lockten lediglich 8 000 Fans an. Die beschlossene finanzielle Umstrukturierung sei daher notwendig. Die Aussetzung der Auf- und Abstiegsregelung solle die durch die Krise geschwächten Vereine finanziell entlasten, indem sie den sportlichen Erfolgsdruck beseitigt, hieß es.

Erstmals seit 70 Jahren gibt es damit in Mexiko keine Auf- und Absteiger. Die zweite Liga soll in eine U23-Talentliga umgewandelt werden. In den kommenden fünf Jahren erhält jeder der zwölf Zweitligaclubs 20 Millionen Pesos (rund 750 000 Euro) an jährlicher Finanzhilfe.

Erstmals seit 70 Jahren gibt es in den beiden obersten Ligen des mexikanischen Fußballs keine Auf- und Absteiger. Die zweite Liga soll in eine U23-Talentliga umgewandelt werden.

Die Neuregelung sorgt für viel Unmut und Unverständnis. Mit der Aussetzung der Auf- und Abstiegsregelung »hat der mexikanische Fußball an Glaubwürdigkeit verloren«, sagte Luis Miguel Salvador, Sportdirektor des Zweitligisten Venados de Mérida. »Mit welcher Motivation geht der Fan zu Ligaspielen, wenn er nicht den Anreiz hat, eines Tages die erste Liga zu erreichen? Es ist ein schrecklicher Schlag, dass sie beschlossen haben, den Aufstieg zu beenden. Es bestand keine Absicht, nach anderen Möglichkeiten zu suchen.« Dabei hätten die Clubs einzig die Unterstützung der Mexikanischen Fußballföderation (FMF) gefordert. »Sie haben nie darum gebeten, dass Auf- und Abstieg abgeschafft werden. Es ist merkwürdig, dass diese Entscheidung mit der Hilfe der berühmten 20 Millionen Pesos pro Jahr einhergeht«, so Salvador. »Es macht keinen Sinn. Warum nicht wirklich den Aufstieg stärken? Sie ergreifen Maßnahmen, um einige Teams der ersten Liga zu schützen.«

Alberto Castellanos, der Präsident von Leones Negros der Universität Guadalajara, veröffentlichte einen Brief an Yon de Luisa, den Vorsitzenden der FMF, in dem er darauf hinwies, dass der Verein von der Entscheidung »empört und enttäuscht« sei. »Diese Woche war für viele Fußballstandorte sehr traurig. Die Behandlung, die wir erhalten, hat die zweitwichtigste öffentliche Universität des Landes nicht verdient«, schrieb Castellanos. Man sei überrumpelt worden. Er meinte damit die Videokonferenz, auf der über die Zukunft von Ascenso MX abgestimmt worden war. »Wir wurden zu einem Arbeitstreffen eingeladen, ohne die Tagesordnung zu kennen.«

Die Spielergewerkschaft AMF Pro kritisierte in einer Pressemitteilung den Mangel an Solidarität der Ligafunktionäre und Clubeigner: »Die Liebe zu den Farben des Clubs zählt nicht mehr; es überwiegt das Interesse der Mächtigen. Deren Hauptanliegen ist ein wirtschaftliches – das ist verständlich, aber unausgewogen und unfair gegenüber jenen, die dies ermöglichen. Heute hat der mexikanische Fußball im sportlichen Bereich den Tiefpunkt erreicht.«

Alfonso Rippa vom Club Atlético Zacatepec, einer der Zweitligavertreter in der Spielergewerkschaft AMF Pro, verweist auf die Folgen für viele Spieler. Das Geld, das nun in die Entwicklungsliga fließen soll, hätte auch als Hilfe bei Beibehaltung der Auf- und Abstiegsregelung fließen können. »Stellen Sie sich ein anderes Szenario vor. Was würde passieren, wenn das Geld, das nun für die Entwicklungsliga ausgegeben wird, an die Aufstiegsclubs weitergegeben würde und diese ein Jahr Zeit hätten, um die Anforderungen (für die erste Liga, Anm. d. Red.) zu erfüllen?« Leidtragende seien die Fußballer: »Von einem Tag auf den anderen werden sie wegen der Interessen einiger weniger arbeitslos. Mindestens 270 Spieler sind über 23 Jahre alt.« Das ist die Altersobergrenze in der neuen Entwicklungsliga. Rippa sagt, das Interesse gelte der Weltmeisterschaft 2026 in Mexiko, den USA und Kanada; obendrein gebe es »Teams, die gegen den Abstieg kämpfen«. Der Vorschlag sei von dem Zweitligisten Tampico Madero gekommen, der demselben Eigentümer gehöre wie die beiden Erstligisten Atlas und Sanros, so Rippa.

Gemeint ist Alejandro Irarragorri, der dafür eintrat, Auf- und Abstieg auszusetzen. Im vergangenen Jahr kaufte die Irarragorri gehörende Orlegi-Gruppe für fast 100 Millionen US-Dollar den Traditionsclub Atlas Guadalajara. Der Verein steht derzeit an letzter Stelle in der Tabelle. Der Erstligaabsteiger wird in Mexiko anhand eines Punktequotienten aus den vergangenen drei Spielzeiten ermittelt. Darin vermutet Rippa den Grund, aus dem die Teams der Orlegi-Gruppe, Santos Laguna, Atlas und Tampico Madero, für die Abschaffung des Abstiegs gestimmt hätten.

In diesem Jahr aber hätte es ohnehin keinen Absteiger gegeben, da Tiburones Rojos de Veracrúz im Dezember Konkurs angemeldet hatte. Der Club von der Golfküste hätte bereits in der Spielzeit zuvor abgestiegen sollen. Eine Sonderregelung der mexikanischen Liga machte aber den Ligaverbleib möglich. So konnten Absteiger bisher mit einer Einmalzahlung von sechs Millionen US-Dollar die Ligazugehörigkeit sichern.

Der Verein Tampico Madero ar­gumentiert, dass das mangelnde Interesse von Sponsoren, Fernsehsendern und Fans sowie die mangelnde Wirtschaftskraft bestimmter Clubs die Gründe seien, die zweite Liga in eine Entwicklungsliga zu verwandeln. Irarragorri verteidigte sich in einem in den sozialen Medien veröffentlichten Brief. Es gebe Dutzende Ligen im Ausland, in die mexi­kanische Zweitligaprofis wechseln könnten. Auch sei die lange bestehende Finanzkrise der Ascenso MX durch die Covid-19-Pandemie »verstärkt und beschleunigt« worden. Daher sei es schlichtweg nicht praktikabel, den Teams dieser Katego­rie zu erlauben, ohne die entsprechenden Mittel in die erste Liga aufzusteigen.

Das Verschwinden der zweiten Liga werde starke soziale, wirtschaftliche und emotionale Auswirkungen auf die betroffenen Orte haben, prophezeite dagegen Claudio Suárez (Spitzname »der Kaiser«), ein ehemaliger Kapitän der mexikanischen Nationalmannschaft. Diese könnten nicht durch die geplante Entwicklungsliga ausgeglichen werden: »Was ist der Sinn ohne Aufstieg? Was ist die Motivation?« Suárez glaubt, dass der mexikanische Fußballverband mit dieser Maßnahme »den Tisch für eine neue mexikanische Fußballliga« bereite. Vorbild könnte die Major League Soccer in den USA sein, in der mit einem geschlossenen Franchise-System ohne sportlichen Abstieg gespielt wird. »Die MLS ist der Liga MX voraus. Ich sehe es deutlich, insbesondere beim Fußball als Geschäft. Zu den wertvollsten Clubs gehören erst vor kurzem geschaffene Teams: Los Angeles FC, wo Carlos Vela spielt, und Miami, das Rodolfo Pizarro verpflichtet hat. In den Vereinigten Staaten muss man 300 Millionen Dollar investieren, um ein Franchise zu starten. Das heißt, sie sind weit voraus.«

Ein plausibel klingendes Argument, das auch Irarragorri indirekt bestätigt, wenn er schreibt, dass unbedingt »die Alternative, einen gemeinsamen Wettbewerb der mexikanischen Liga mit ihrem US-amerikanischen Gegenstück zu schaffen«, untersucht und analysiert werden sollte. »Eine mögliche Schaffung einer nordamerikanischen Liga ist auf kurze Sicht wahrscheinlich besser für die MLS, mittelfristig für die Liga MX, auf lange Sicht aber ist sie für beide besser; und das Potential zur Wertschöpfung und zur Schaffung von Arbeitsplätzen ist immens.«