James Baldwins Roman »Giovannis Zimmer«

Die längste Affäre

Platte Buch Von

Der längst als Klassiker der Schwulenliteratur kanonisierte Roman »Gio­vanni’s Room« (1956) beruht auf der flüchtigen Begegnung zwischen dem afroamerikanischen Autor James Baldwin und einem Fremden in ­einer Bar in Frankreich. Kurz darauf erfuhr Baldwin, dass der Franzose wegen Mordes gesucht und hingerichtet wurde. Aus diesem Stoff entwickelt er die moderne Tragödie ­eines homosexuellen New Yorkers im Paris der fünfziger Jahre, dem es nicht gelingt, sich zu seiner Liebe zu dem italienischen Barmann Giovanni zu bekennen und seine mondäne Verlobte zu verlassen.

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Das Buch wurde 1963 erstmals ins Deutsche übersetzt. Vor zwei Jahren reagierte der Verlag dtv auf das wachsende Interesse an afroamerikanischen Autoren mit einer Neuauflage von Baldwins Gesamtwerk. Nach dem Roman »Von dieser Welt« (2018) und dem Essay »Nach der Flut des Feuers« (2019) ­erschien in diesem Jahr »Giovannis Zimmer« mit einem Nachwort, das ­daran erinnert, dass Baldwin mit dem Roman gleich zwei Tabus berührte, indem er als schwarzer Autor über Homosexualität schrieb und sich die Erzählperspektive eines Weißen aneignete.

Das während seines Aufenthalts in Europa entstandene Buch ist in jeder Hinsicht ein Meisterwerk; die Sprache von unerhörter Eleganz, die Dramaturgie atemberaubend und die Figuren sind mit schonungsloser Ehrlichkeit gezeichnet. Mit einem Glas Rotwein in der Hand steht David, der Erzähler, bei Anbruch der Nacht am Fenster einer Villa in Südfrankreich und erinnert sich an die von Begehren und Scham geprägte Affäre mit Giovanni, dessen Hinrichtung in den Morgenstunden des folgenden Tages bevorsteht.

»Der teils romantisierende, teils freudlos-freudianische Psychoreport des Ich-Erzählers«, urteilte der ­Spiegel 1963 über den Roman, »ist zu konstruiert, als dass er das Leserinteresse auf die Dauer engagieren könnte.« Weiter daneben als in diesem Fall kann Literaturkritik gar nicht liegen.

James Baldwin: Giovannis Zimmer. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. Dtv, München 2020, 208 Seiten, 20 Euro