Die CDU hält am Begriff »Rasse« im Grundgesetz fest

»Finger weg von altehrwürdigen Worten!«

Grundgesetz ohne »Rasse« – geht das?
Die preisgekrönte Reportage Von

»Sie wollen mich umbringen, ja? Das ist es, was Sie wollen.« Manfred Wollner ringt sichtlich nach Fassung. Der ältere Herr im schlechtsitzenden Anzug ist bleich vor Zorn, seine Unterlippe bebt. »Dann also der Tod. Ich nehme es hin. Die Sache, der ich mich verschrieben habe, ist größer als mein Leben. Und ich kenne viele, die genauso denken wie ich.« Wollner hat allen Grund, zornig zu sein. Im Zuge der weltweiten Proteste der Kampagne Black-Lives-Matter ist auch in Deutschland eine Debatte über rassistische Begriffe und überholte Denkweisen in Gang gekommen. Nun wird darüber diskutiert, ob dazu auch das Grundgesetz geändert und das Wort »Rasse« in Artikel 3 der Verfassung entfernt werden soll.

Anzeige

Für den CDU-Menschenrechtsbeauftragten Wollner ein Unding. Der passionierte Zahnarzt variiert ein Dietrich-Bonhoeffer-Zitat: »Als sie die Statuen niederrissen, habe ich geschwiegen. Ich war ja keine Statue. Als sie die Straßen umbenennen wollten, habe ich geschwiegen. Denn meine Villa liegt auf einem freien Grundstück am See, ohne Straßennamen. Als sie das Grundgesetz ändern wollten, war nur noch die CDU da, um dagegen zu protestieren.«

Wie viele aus der Partei ist Wollner vehement dagegen, dass der Begriff Rasse aus dem Absatz 3 gestrichen beziehungsweise ersetzt wird. »Wenn wir anfangen, über die Abschaffung von Rassen nachzudenken, geben wir den Rassisten recht«, flüstert Wollner aufgeregt. »So hat es schon einmal angefangen in Deutschland – mit diesem Antirassismus, der gegen die Mehrheitsgesellschaft gerichtet war. Nie wieder!« Wollner warnt vor leichtfertigen und unnötigen Grundgesetzänderungen: »Als die CDU gefordert hat, Deutsch als Landessprache ins GG aufzunehmen oder Seniorenkaffeefahrten von Staats wegen zu bezuschussen, waren das maßvolle Vorschläge, denen lange Debatten vorausgegangen waren. Jetzt einen Begriff zu ändern, nur weil ihn die wissenschaftliche Forschung seit Jahrzehnten ablehnt, wäre ein Schnellschuss.« Wollner sieht sich selbst als Menschenrechtsaktivist: »Das Grundgesetz wurde uns 1947 von Gott persönlich auf Herrenchiemsee überreicht. Eher lasse ich mich ans Kreuz schlagen, als auch nur ein Iota daran zu ändern! Finger weg von altehrwürdigen Worten.« Ein Mann mit einem Elan, der derzeit vielen in der Union fehlt.

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.