Der letzte linke Kleingärtner – Was Hühner, Rinder und Politgruppen verbindet

Im letzten Gefecht

Wenn Politgruppen sich verhalten wie aufgeregte Rinder und Hühner. Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 66.
Kolumne Von

Von Hühnern und Rindern kann man einiges lernen. Wer schon einmal gesehen hat, was passiert, wenn Rinder im Frühjahr nach ein paar Monaten Stallaufenthalt auf die Weide gelassen werden, und welche Sprünge sie dabei vollführen, begreift, was Lebensfreude sein kann. Das ist Genuss pur. Da kann ich minutenlang zusehen, ohne dass es mir beim Anblick dieser ungelenken Hoppelei langweilig wird. Ähnlich verhält es sich bei den Hühnern. Jeden Tag aufs Neue, wenn sie früh morgens von unsereinem aus dem Stall ins Gehege gelassen werden. Dann laufen, picken und scharren sie im Gelände, als wäre es ihre letzte Minute auf Erden, bevor sie in den Kochtopf wandern. Das hat noch Zeit und in den Kochtopf wandern sie bei mir sowieso nicht, da sie auf Eierlegen gezüchtet wurden, was eben zu so wenig Fleischansatz führt, dass sich das Schlachten nicht lohnen würde. Noch wilder geht es bei den Hühnern zu, wenn ich ihnen ein neues Gehege gesteckt habe. Dann suchen sie erst einmal mit heraushängender Zunge eine lockere Stunde lang Schnecken und deren Eiern; dabei scharren sie emsig den Boden frei, um an Leckereien heranzukommen.

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Mich erinnern Rinder wie Hühner mit ihren freudigen Tänzen manchmal an linke politische Gruppen, die unentwegt dabei sind, das letzte Gefecht zu führen. Irgendwie ist es schön anzusehen. Die Rinder kämpfen – oder soll ich sagen: inszenieren – ihr letztes ­Gefecht nur einmal im Jahr. Die Hühner sind da schon näher am linken Politzirkus dran. Sie inszenieren ihr letztes Gefecht täglich. Dafür haben sie auch eine geringere Lebenserwartung. So schön es auch ist, für das Gute zu kämpfen, also je nach Zweibeinergattung Nazis oder Schnecken zu jagen, so sehr ermüdet es doch auf Dauer die herumspringenden Zweibeiner und ihre Betrachter. Die einen turnen instinktgesteuert durch die Welt- oder Gartengeschichte, die anderen machen es mit mehr Hirn. Manchmal sind die Ergebnisse trotzdem gar nicht so verschieden. Hauptsache, man geht als Sieger aus dem letzten Gefecht hervor. Aber unaufhörlich jeden Tag Höchstleistung zu erbringen, bekommt nicht mal der am besten trainierte Sportler gebacken. Mir soll es recht sein, solange die emotionsgesteuerten Hühner Tag für Tag fleißig ihre Eier legen. Sollen sie dies als ihr letztes Gefecht betrachten. Mir reicht es als emotionaler Bezugspunkt. Von den anderen Zweibeinern halte ich mich dann lieber fern. Auch der größte aller Kleingärtner kann nicht auf jeder Hochzeit tanzen und herummachen.

Ich hoffe doch sehr, dass den mit Verstand gesegneten Zweibeinern der entscheidende Sieg im letzten Gefecht gelingt und dass sie dann eine Anstellung für mich übrig haben. Ich könnte irgendwelche pädagogischen Betreuungsprojekte mit übriggebliebenen NGOs machen. Das wäre dann wieder die von mir so geschätzte Win-win-Situation: für die politisch Korrekten, für meine Hühner und natürlich für mich.

Ansonsten findet das letzte Gefecht zurzeit meist digital statt – bei den allseits beliebten Telefon- und Videokonferenzen. Wenn sich dann am Ende das Gros der Teilnehmenden wieder verabschiedet hat und ich als einziger mit der Pausenmusik zurückbleibe, poppt fast schon heimattümelnde Sehnsucht auf und Jackson Brownes Liedzeilen »I hear your heart beating everywhere, everywhere I go« wabern durchs Gemüt. Ein schöner Song.

Die Kartoffeln gedeihen derweil vorzüglich. Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln, meint der Volksmund und irrt auch hier. Der Anbau ist kein Zauberwerk und das Ergebnis ist abhängig von der Qualität des Saatguts, Regen zur rechten Zeit und einer intelligenten Pflege, womit dann wieder ich im Spiel wäre. Ein bisschen ärgerlich ist allerdings, dass die Knollengewächse das Licht der Welt alles andere als simultan erblicken. Dies erschwert das Jäten und Freihalten der Beete von unerwünschten Pflanzen, die es wie Sand am Meer gibt. Wenn man einen Bruchteil einer ­Sekunde nicht aufpasst und sich mental zu sehr in seinem eigenen letzten Gefecht verheddert hat, hackt man beim Jäten ungewollt den Nachzügler weg. Wenn ich nur wüsste, wen ich dafür verantwortlich machen könnte. Jäten erfordert jedenfalls allerhöchste Konzentration und gelingt am besten schweigend und ohne quasselnde Mitmenschen um einen herum.

Auch sonst wachsen die verschiedenen Salate und Gemüse – wie Bohnen, Mangold, Rote Beete und Kohlpflanzen – vorbildlich. Nur die Buschbohnen wollen dieses Jahr nicht so, wie ich es will. Vermutlich war das gekaufte Saatgut zu schlecht. Ist ja klar: Wenn zu viel Fremdes im Hause herumschwirrt, kommt viel Unordnung ins gärtnerische Leben und die taktische Grundordnung geht über Bord. Wie löst unsereiner das Problem? Nun, man legt Bohnen einfach nach. Das Malheur passiert in den besten Familien.