Homestory #26

»Hast du sie?« »Ich kann nicht. Aber ich würde. Wenn ich könnte.« Die Rede ist hier von der Corona-Warn-App der Bundesregierung. Das Robert-Koch-Institut zählt bislang knapp zwölf Millionen Downloads. In der Redaktion ihrer Lieblingswochenzeitung sind es ge­rade mal vier. Einige Kollegen besitzen zu alte Smartphones, andere verweigern sich gänzlich den Errungenschaften der mobilen Tele­fonie seit etwa 2012. Weil die Corona-Warn-App mindestens ein iPhone 6s oder Android 6 als Betriebssystem voraussetzt, bleiben sie alle außen vor »Sie läuft auf mehr als 85 Prozent der in Deutschland vorhandenen Smartphones«, behauptete Regierungssprecher Steffen Seibert vergangene Woche über die App. Im Dschungel sieht es da ganz anders aus. Der Kollege aus dem Lektorat gibt seine technische Ignoranz gerne zu. Da er aber auch Coronapartys und ausgiebige Sozialkontakte meide, könne er die Infektionsketten im Bedarfsfall auch über den Gartenzaun verfolgen. Ganz anders die agilen Kollegen, die bereits wieder das Wagnis von Bahnfahrten auf sich nehmen. Erleichtert berichten diejenigen mit der App, dass sie noch keine sogenannte Risikobegegnung hatten. Das ist aber auch kein Wunder, denn bislang wurden überhaupt noch nicht genügend positive Testergebnisse über die App gemeldet, als dass ­irgendwelche Risikobegegnungen über die Corona-Warn-App ermittelt werden konnten. In unserem Chatraum »Kaffeeküche« verspricht man dennoch, sich gegenseitig zu informieren, falls die App anschlägt. Ein bisschen fühlt man sich dort wie in einer Poly­amory-Sekte, ­deren Beteiligte sich bei eventuell auftretenden Geschlechtskrankheiten informieren wollen. Dabei produzieren wir ihre Lieblingszeitung nun schon seit mehr als drei Monaten aus dem Homeoffice. Der Redaktionstisch ist der Telefonkonferenz gewichen und von analogen Begegnungen (ob mit oder ohne Risikomeldung) ist keine Rede. Das ist dann wohl auch die effektivste ­aller Präventions­methoden: »Ich halt’ einfach Anstand,« schreibt die Kollegin im Chat.

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