Was treibt die Feierwütigen derzeit um

Anderthalb Tanzflächen Abstand

Während die Clubszene um ihre ökonomische Existenz ringt, versucht man andernorts an die Partykultur der neunziger und nuller Jahre anzuknüpfen. Ein Überblick über das Feiern in Zeiten der Pandemie.

Ein Freitagabend auf der Wiener Donauinsel. Am Himmel Sternenlicht und bunte Spots, die das umliegende Gebüsch, entfernte Gebäude und die langsam treibende Donau beleuchten. Vor einem behelfsmäßig aus Holz und Getränkekisten gebauten DJ-Pult tanzen einige Menschen. Ob sie dicht oder eng beieinander tanzen, darüber habe ich mir vor dem Beginn der ­Covid-19-Pandemie keine Gedanken gemacht. Auch nicht darüber, ob es okay ist, eine Flasche Wein kreisen zu lassen anstatt aus Plastikbechern zu trinken. Oder ob die Leute im Gebüsch ihre Drogen durch ihren jeweils ­ei­genen Strohhalm von der glänzenden Handyoberfläche konsumieren.

Eine Technoparty gilt es derzeit wie einen Reaktorunfall zu beurteilen, ein Zusammenspiel aus Risikofaktoren, missachteten Sicherheitsmaßnahmen und Handlungsanweisungen.

Eine Technoparty gilt es derzeit wie einen Reaktorunfall zu beurteilen, als ein Zusammenspiel aus Risikofaktoren, missachteten Sicherheitsmaßnahmen, gutgemeinten und tatsächlich guten Handlungsanweisungen. Natürlich ist es viel mehr: euphorische Menschen, eine Musikanlage, aus der der sorg­fältig auf diesen Moment abgestimmten Beat wummert, kühles Bier und lachende Gesichter, die solidarische Grundstimmung, weil sich auf kleinen, selbst­organisierten und illegalen Raves die Gäste füreinander verantwortlich fühlen. »Alles okay bei dir?« – und schon reicht dir eine fremde Hand eine Flasche Wasser. Nun aber droht die Kernschmelze und nach ihr die globale Katastrophe.

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Vor einigen Monaten noch äußerten sich lediglich einige lustfeindliche Konservative negativ über Clubbing und alles, was damit zusammenhängt. Jetzt aber sind in so mancher Facebook-Timeline, die sonst von ­linken Posts oder Party-Ankündigungen überquillt, rants und Distanzierungen von einer verantwortungs­losen Feierszene zu lesen, »von der man eh nie etwas anderes erwartet hat«. Es schreiben jedoch auch DJs vom totalen Ausfall ihrer Gagen, gar drohender Wohnungslosigkeit. Clubbetreiber verbreiten Aufrufe zum Crowdfunding. Als im März in den meisten Ländern die Clubs auf staatliche Anordnung hin schließen mussten, traf es die dazu­gehörige Szene hart. Vor allem diejenigen, die mit dem Nachtleben ihren Lebensunterhalt verdienen. Jede deutsche Großstadt hat ihren Techno-Tempel, der sinnbildlich für Rave und Hedonismus steht. Die Last der Pan­demiemaßnahmen wiegt für dieses ­Gewerbe schwer. Mit dem Sommer eröffneten sich dringend benötigte Opti­onen. Das »About Blank«-Kollektiv öffnete – wie viele andere Clubs und Kulturzentren im ganzen Land – seinen Garten, in dem zu Techno gemütlich am Tisch Sekt getrunken werden kann. Clubs vermieten ihre Räume für pri­vate Veranstaltungen. Und ab und an darf man auch wieder feiern – unter strengen Auflagen und mit gnadenlos limitierter Ticketzahl.

Aber was ist aus den kleinen Crews geworden, die selbstorganisierte und nichtkommerzielle Partys veranstalten, die keine laufenden Kosten decken müssen und keine öffentliche Anschrift haben, an die ein Bußgeldbescheid ­adressiert werden kann? Man kann vermuten, dass sie es leichter haben, da sie auch schon vor der Covid-19-Pandemie ihre Partys improvisierten und Orte im Freien auskundschafteten. Ökonomische Engpässe müssen sie nicht weiter tangieren, da niemand je den Anspruch hatte, durch DIY-Veranstaltungen den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern man deren Vorbereitung vielmehr als Akt der Selbstverwirklichung betrachtete. Einnahmen sind egal, es reicht, wenn der Getränkeverkauf die Kosten des Raves deckt. Trotz der frischen Luft ist aber auch in diesem Partysegment an ein einfaches Weitermachen nicht zu denken: Die Crew ruht, bis rückläufige Infektionszahlen und die Gesetzgebung wieder das Feiern zulassen. Immer wieder betonen die ­Organisatoren und Organisatorinnen illegaler Raves, wie wichtig ihnen ein verantwortungsvoller, achtsamer Umgang mit der Situation und ihren ­Mitmenschen ist. Lieber den Exzess runterfahren, lieber nicht ausgehen, den Älteren, den Kranken, den anderen zuliebe.

Konsens ist dies jedoch nicht. Die Bilder vom Berliner Landwehrkanal, wo an Pfingsten 3 000 Leute auf Booten und am Ufer für den Erhalt der Clubkultur demonstrierten, sorgten bundesweit für Empörung. Zu dieser Protestaktion hatten der Club »Kater Blau« und der Partycrew »Rebellion der Träumer« aufgerufen. Wegen Missachtung der Sicherheits- und Abstandsregeln wurde sie frühzeitig beendet. Dass das Vivantes-Klinikum am Urbanhafen als Endpunkt für die Party-Demonstration ­ungünstig gewählt war, sahen auch die Veranstaltenden ein. Trotz scharfer Kritik blieb dies jedoch nicht die einzige Veranstaltung dieser Art. Am Berliner Hermannplatz stand einige Wochen später ein Lautsprecherwagen, hinter dem einige glückliche Menschen eng beieinander tanzen. Neben Peace-­Zeichen und »Nazis raus«-Schildern prangte hier auch ein Transparent mit der Forderung: »Gegen Masken- und Impfpflicht – für den Erhalt der Berliner Clubkultur!« Das Herunterspielen der Pandemie gehört offensichtlich auch zur Mentalität eines Teils der Szene.

Der illegale Rave draußen am See, unter der Autobahnbrücke, zwischen zwei Großbaustellen oder im verlassenen Gebäude erlebt diesen Sommer ­einen Aufschwung wie seit den frühen nuller Jahre nicht mehr. Man verabredet sich in Telegram-Gruppen oder lädt den erweiterten Freundeskreis ein. Für manche knüpft diese Art des Feierns direkt an die britischen Raves der neunziger Jahre an, die sich gegen den Konservatismus der Ära Thatcher richteten. Ob das vordergründige Ziel der Ordnungsmacht die Bekämpfung der Pandemie oder ein konservativer Kulturkampf ist, macht für die Protes­tierenden oftmals keinen Unterschied. In den sozialen Medien kann man ­immer wieder Beiträge lesen, die in einzelnen Fällen sogar die ganze Pandemie in verschwörungstheoretischer Manier als Inszenierung in einem staatlich gelenkten Kulturkampf halluzinieren.

Der/die Letzte knipst das Licht aus. Die Berliner Polizei durchleuchtet die Hasenheide

Bild:
Primos Onassis

Ein anderer Teil der aktiven Clubszene versucht, der Situation auf andere Weise thematisch etwas abzugewinnen. Bei der Frankfurter DJ- und Veranstaltungscrew GG Vybe etwa begreift man die Krise auch als Chance zur Erweiterung des Portfolios. »Wir haben versucht, Formate zu finden, bei denen sich die Abstandsregelungen einhalten lassen«, erzählt mir DJ Jaraya. Es wurde eine AG-Struktur auf die Beine gestellt, Lesungen, Filme und Panels zu Rassismus und Musik wurden organisiert. Die Partycrew wird so zur Politgruppe. »Wir sehen die Digitalisierung mit einem lachenden und einem weinenden Auge – so ein Partyleben ist ja extrem schnelllebig, Corona hat den Raum ­geschaffen, sich weiterzuentwickeln und gleichzeitig Themen zu vertiefen«, kommentiert Crewmitglied Diana Glitzer Hearing.

Nach der weitgehenden Stillegung des öffentlichen und kulturellen Lebens galt es für die Clubszene zunächst, finanzielle Probleme zu lösen. Doch ist seit März für viele Clubgäste ein zentraler Ort ihres Soziallebens verschwunden. »Man merkt beim Clubben einfach, dass Menschen soziale Wesen sind. Die Dynamik, die bei einem guten Set auf der Tanzfläche entsteht, kannst du zu Hause nicht nachstellen«, bringt es die Berliner Raverin Lena auf den Punkt. Auch das Streaming von DJ-Sets ist nur ein schlechter Ersatz für die Club­atmosphäre. Auf der Plattform United We Stream (UWS), die fünf Tage nach der Clubschließung in Berlin ihr erstes DJ-Set sendete, haben bislang trotzdem 2 000 Künstler und Künstlerinnen von über 400 Locations aus 85 Städten ihre Sets gestreamt. DJ Karaj aus Frankfurt am Main erzählt von dem, was hinter diesen Zahlen von UWS zu verschwinden droht: »Ich hab mich beim Streamen so seltsam gefühlt, so losgelöst von der Musik und den Menschen, wirklich kein Vergleich zum Auflegen im Club.« Dies ist eine Erfahrung, mit der sie nicht allein ist. »Track-ID?« Diese Frage in einer Instagram-Nachricht gestellt zu bekommen, ist doch nicht dasselbe, wie wenn ein Betrunkener seine Freude über das Set zum Ausdruck bringt, sagt sie.

Für viele Clubgäste ist ein zentraler Ort ihres Soziallebens verschwunden.

Tanzen ist auch ein Ventil, eine Auszeit von der Lohnarbeitsmühle. »Ich bin unter der Woche sehr auf die Arbeit fokussiert. Deswegen war das stundenlange Tanzen am Wochenende ein wichtiger Ausgleich für mich«, erläutert DJ Karaj aka Crime Mary. Während der Pandemie kommen nun ganz ­unterschiedliche Leute beim Feiern in Kontakt. Hatten Clubs zumeist ihr Stammpublikum, das anderen Feiernden höchstens sonntagmorgens auf dem Heimweg begegnete, sind Open Airs zugänglicher: keine nervigen Kontrollen an der Tür, kein Eintritt und moderate Getränkepreise. Hier treffen sich alle, die trotz der pandemiebedingten Risiken feiern gehen wollen, Szene­publikum und Freundeskreise, die einfach ein paar Stunden tanzen und ­zusammen das Virus vergessen wollen.

Für das Einhalten von Abstands­regeln gilt das jedoch zumeist auch. »Wenn die Bullen kommen, dann geht man auseinander und setzt sich eine Maske auf. Die Bedenken der Regierung, dass die Leute unvorsichtiger werden, stimmen schon. Die Leute sind in ihrer Trance und wollen auch das vergessen«, erzählt Christina, die regelmäßig im Umland von Berlin illegale Partys besucht. Sie berichtet von leerstehenden Krankenhausgebäuden, durch die der Bass wummert, und vom Blaulicht der Einsatzwagen, die kommen, um die Veranstaltung aufzulösen. Eine Stunde durch den Wald zu laufen, bis im schlimmsten Fall nach kurzer Zeit die Polizei die Party beendet – dieser Nervenkitzel gehört zur DIY-Partyszene ebenso dazu wie die Nähe und das Gefühl des gemeinsamen Tanzens. Auf Letzteres will Christina nicht verzichten. »Man muss ja danach keine Omis auf der Straße umarmen, aber ich brauch’ ein bisschen meine Freiheit. Ich will leben.«

Das Gegenteil von Darkroom

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Primos Onassis


Der Wunsch, die soziale Isolation zu beenden, oder auch die Hoffnung, mal ganz andere Leute als sonst beim Outdoor-Rave zu treffen, mögen nachrangig sein angesichts der vom Ruin bedrohten Clubbranche. Wer das frei­mütige Feiern und das Ignorieren der Abstandsregeln in der Berliner Hasenheide oder auf der Donauinsel verstehen will, muss jedoch genau hier ansetzen. Mag auch ein explizit kritischer oder politischer Anspruch fehlen – viele der Tanzenden auf verlassenen Waldlichtungen oder in leerstehenden Gebäuden sehen im Rauscherlebnis und im hedonistischen Miteinander nicht nur Momente der Regeneration, sondern auch eine vorübergehende ­Befreiung vom Leistungszwang in der kapitalistischen Lohnarbeitsmühle. Zwar sitzen die meisten nach dem Rave am Montag wieder frisch im Büro. ­Einige wenige begreifen das utopische Moment des Feierns jedoch als Impuls für politisches Aufbegehren. Ein politischer Anspruch, eine feministische oder antirassistische Grundhaltung gehört an einigen Szeneorten und bei ­einigen Partycrews zum Selbstverständnis.

Dieser Anspruch wird zuweilen auch überhöht. Eva, die als DJ auf einem Rave in Berlin auflegte, erzählt von einer Situation, in der ein paar Männer aus der Organisationscrew die anrückende Polizei zu überzeugen versuchten, die Veranstaltung nicht aufzulösen, weil es sich nicht um eine Party, sondern um etwas Politisches handele. »Ich habe mich dann so umgeschaut. Klar, es haben ausschließlich Frauen aufgelegt und an einer Lichterkette hingen ein paar Vulven als Deko, um einen feministischen Anspruch zum Ausdruck zu bringen. Aber im Publikum waren irgendwelche Typen ohne politisches Bewusstsein.« Eva fand die politische Stellungnahme vor den Ordnungskräften falsch, zumindest aber hätte sie anders argumentiert. Wäre es nicht ausreichend politisch zu sagen, es geht uns hier um Spaß und Hedonismus – einfach darum, »mal wieder zu leben«? Hier auf den Open Airs, ganz nahe der Kernschmelze, gibt man sich im Guten wie im Schlechten ganz der Gegenwart und dem Selbstzweck hin. Hatte Mike Banks vom Detroiter DJ-Kollektiv »Underground Resistance« noch proklamiert, dass Techno sich den Probleme der Zukunft widme, gilt jetzt »Techno is (un)concerned with the problems of the present.«