Ein Rückblick auf den Aufstieg von Arminia Bielefeld in die Bundesliga vor 50 Jahren

Block acht, neben dem rechten Torpfosten

50 Jahre Erstaufstieg der Arminia – ein Bielefeld-Fan in reifen Jahren blickt zurück.

Als Bielefeld das allererste Mal in die Bundesliga aufrückte, habe ich diesen stadtgeschichtlichen Meilenstein als Elfjähriger gänsehautnah miterlebt. 1970 war das, also vor exakt 50 Jahren, und Arminia mein über alles geschätzter Verein, denn ich lebte von Geburt an in dieser Stadt und die Alm, das Stadion, lag keine 30 Minuten zu Fuß von meinem Elternhaus entfernt. Kaum ein Heimspiel, das ich verpasste. Auch wenn ich als mittlerweile bekennender Profifußballverächter schon seit Jahrzehnten kein Fußballstadion mehr von innen gesehen habe, fühle ich mich dem Verein meiner Geburtsstadt noch immer gewogen; gegen eine so zeitig erfolgte fußballerische Sozialisation kommt man nicht an.

Mittelstürmer Jonny Kuster war Bademeister. Einmal bin ich vor seinen Augen vom Seitenrand aus ins Nichtschwimmerbecken gesprungen, nur um der Ehre willen, vom Bielefelder Torschützenkönig persönlich aus dem Wasser gepfiffen zu werden.

Frau Hauser war’s, eine Freundin meiner Mutter und regelmäßige Almbesucherin, die mich ab der Saison 1965/66 der Regionalliga West immer mal wieder zu den Heimspielen mitnahm. Beim ersten Fußballspiel meines Lebens ging es auf der Alm gegen die Spielfreunde Hamborn 07. So ich mich recht entsinne, gewann Arminia 7:0. Auch an das Ergebnis meines zweiten Spiels gegen Alemannia Aachen kann ich mich noch gut erinnern: 0:0 endete die damalige Begegnung, Arminias Torwartdenkmal Andreas Triebel hielt einen Elfer und ich machte mir kurz vor Spielende in die Hose, weil ich in der Aufregung vergessen hatte, dass ich musste.

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Wir Kinder durften damals immer auf dem Grünstreifen sitzen, also auf jener gut zwei Meter schmalen Rasenbahn zwischen erster Stehplatzreihe und Seitenlinie. Absperrungen zwischen den mit Teerschlacke befestigten Erdwällen, die als Zuschauerränge fungierten, und dem Spielfeld existierten nicht. So konnte ich nach Abpfiff immer prima auf den Platz laufen, um den Spielern auf die Schultern zu klopfen oder mir von ihnen Autogramme auf die schwarzweißblaue Fahne schreiben zu lassen, die mir meine Mutter irgendwann genäht hatte. Zu kaufen gab es so was damals noch nicht.

Im Gegensatz zu Autoreifen. »Den Ball für das heutige Spiel spendete wieder die Firma Reifen-Kording«, ließ einen damals der Stadionsprecher vor jedem Heimspiel wissen. Das war mal im wahrsten Sinne Fußballwerbung, die aber heutzutage kaum mehr funktionieren dürfte, weil ja, kaum geht ein Ball ins Aus, von den Ballkindern gleich ein neuer ins Spiel gebracht wird. In Bielefeld aber kickte man damals, selbst wenn ein Schuss über die Tribüne in die Schrebergärten dahinter ging und das Leder erst langwierig herbeigeschafft werden musste, immer nur den Reifen-Kording-Ball. Allerdings: Trotz ihrer eindrücklichen Stadionwerbung habe ich diese Firma niemals mit einem Besuch oder gar Reifenkauf beehrt. Sie existiert schon lange nicht mehr.

Als Arminia erstmals in die Bundesliga aufrückte, ging ich längst nicht mehr mit Frau Hauser, sondern mit Freund Axel Bohle auf die mittlerweile um eine mächtige Stahlrohrtribüne erweiterte und mit einer topmodernen Flutlichtanlage ausgestattete Alm. Selbst da durfte man als »Botte« (ostwestfälisch für Kind) noch auf dem Grünstreifen sitzen, was wir auch taten, wenn es nicht ­gerade schiffte. Unser Stammplatz war vor Block acht neben dem rechten Torpfosten (vom Block aus gesehen). Einmal, gegen Gladbach, kam der berühmte Hacki Wimmer direkt auf uns zugestratzt, wollte einen Ball noch unbedingt vor dem Toraus erreichen. Mir gellt es heute noch in den Ohren, wie ihm da Kumpel Bohle entgegenbrüllte: »Den kriegst du nie im Leben, Hacki.« Doch Wimmer wuchtete das Ding tatsächlich noch vor das Tor, ist dann aber aus vollem Lauf in uns reingerutscht. Hat sich aber keiner was getan. Wimmer entschuldigte sich kurz bei uns Jungs.

Meine Bielefelder Fußballhelden hießen Ernst »Jonny« Kuster, Gerd Siese und Gerd Roggensack, um nur mal drei der glorreichen Männer aus der Erstaufstiegself zu nennen. Ihnen konnte man übrigens nicht nur an den Spieltagen auf’m Platz, sondern häufig auch unter der Woche in der Stadt begegnen. Vom Vollpro­fitum weit entfernt, gingen die meisten damals einem Brotberuf nach.

Torwart Siese etwa war Malermeister im eigenen Betrieb. Oft genug sah man ihn in seinem Firmenwagen, einem blauen Kasten-R4, herumkacheln. Unvergessen, wie ich ihn einmal, angetan mit einem Malerkäppi auf dem gelockten Dez, irgendwo in der Stadt einen Fensterrahmen streichen sah. Natürlich bin ich gleich da hin und guckte ihm so lange bei der Arbeit zu, bis er mich wahrnahm und, mit dem Pinsel winkend, herübergrüßte.

Mittelstürmer Jonny Kuster war Bademeister. Im Sommer schob er in unserem Freibad und im Winter auch im Städtischen Hallenbad Beckenwache. Einmal bin ich, obwohl es verboten war, vor seinen Augen vom Seitenrand aus ins Nichtschwimmerbecken gesprungen, nur um der Ehre willen, vom Bielefelder Torschützenkönig persönlich aus dem Wasser gepfiffen zu werden und eine Standpauke von ihm zu erhalten – die mir der knorrige Mann dann auch in bester Bademeistermanier erteilte.

Ich weiß nicht, was Gerd Roggensack hauptberuflich machte, aber er wohnte praktisch in unserer Nachbarschaft, in einem eher schmucklosen Hochhaus am Ende einer Sackgasse in unserer damals überwiegend kleinbürgerlich geprägten Gegend. Dort drückte ich mich gelegentlich mit meinen Kumpeln herum, und ab und an sahen wir Roggensack tatsächlich aus dem Haus kommen. Dann schleuderten wir ihm freiweg den almüblichen Schlachtruf »Zickzack/Roggensack« entgegen. Der Bielefelder Stürmerstar aber pflegte diese Huldigungen seiner kleinen Fans immer sehr leutselig entgegenzunehmen, nickte uns freundlich zu. Manchmal sprach er sogar ein paar Takte mit uns.

Gerd Roggensacks Konterfei ist natürlich auch im »Bergmann-Bilder-Sammelalbum« 1970/71 zu besichtigen, das ich anlässlich des neuerlichen Bundesligaaufstiegs der Arminia in diesem Jahr mal wieder in Augenschein nahm. Die Fotos dafür habe ich damals zusammen mit meinem älteren Bruder gesammelt und muss dafür einen erklecklichen Teil meines bestimmt nicht üppigen Taschengeldes investiert haben. Denn die Sammlung ist vollständig, alle 434 Bilder kleben akkurat eingepasst an den für sie vorgesehenen Stellen. Während ich es andächtig durchblätterte, traten mir Tränen der Verzückung in die Augen. Was für ein wunderbares Relikt! Sämtliche Spieler und Trainer der Bundesligasaison 1970/71; alle Mann einzeln, farbig und adrett porträtiert auf zigarettenschachtelgroßen Abbildungen; dazu – in bunt auf goldenem Grund – die Wappen aller 18 Vereine der Saison. Und die neunseitige Bildstrecke am Anfang des Albums nicht zu vergessen, mit etlichen ebenfalls tipptopp fotografierten Mannschaften und Spielszenen von der WM 1970 in Mexiko. Kurzum: eine Kostbarkeit.

Fahrstuhlmannschaft. Kein Club stieg öfter in die Bundesliga auf als Arminia Bielefeld

Bild:
dpa / Sven Simon

Meinte auch Freund Hein, als ich ihm das Schätzchen zeigte. Hein ist Braunschweig-Fan, also schlug er gleich mal den Eintracht-Kader im Album nach und erblickte gerührt seine einstigen Helden: Wolter, Grzyb, Lorenz, Ulsaß und wie sie alle hießen. Und hier, guck mal, bei Werder Bremen, die Fresse kennste doch? Na klar, unverkennbar, der junge Rudi Assauer, erst kürzlich verstorben. Und ein gewisser Otto Rehhagel spielte damals bei Lautern. Und hier – Hein schrie auf vor Begeisterung –, den Namen fand er immer so toll: Horst »Pille« Gecks, vormals Meidericher SV, seit 1969 bei den Offenbacher Kickers. Hein wollte das Album haben. Sofort. Bot mir 50 Euro. Doch ich lehnte ab. Das Bergmann-Sammelalbum bleibt im Familienbesitz. Es ist schließlich das Album der ­ersten Bundesligasaison, und selbstverständlich ist auch der damalige Arminen-Kader vollzählig abgebildet. Feierlich las ich Freund Hein die Spielernamen vor: Braun, Siese, Kuster, Roggensack, Klein, Schulz, Knoth, Slomiany, Brücken, Wenzel, Triebel, Köller, Neumann, Kohl, Oberschelp, Stockhausen, Bittner, Stürz, Brei, Kemena, Leopoldseder. Trainer: Erich Piechazeck. Danach sah Hein ein: Das Album ist unverkäuflich.

Und noch etwas fällt mir ein aus Anlass des erneuten Bundesligaaufstiegs. Als nämlich vor Jahren mal ein britisches Sportmagazin in die Runde fragte, an welchem sportlichen Ereignis man unbedingt teilgenommen haben sollte, bevor man für immer in der Umkleide verschwindet – oder wie auch immer man das Sterben sportlich umschreiben möchte –, kam mir als mein ganz persön­liches sporting thing nur dieses eine in den Sinn, das sich aber nach Möglichkeit bitteschön noch vor jenem Zeitpunkt ereignen möge, welchen ich als meinen unwiderruflichen Platzverweis bezeichnen möchte. Ich spreche natürlich vom Einzug Arminia Bielefelds ins DFB-Pokal-Finale. Ein Ereignis, dem ich, seit ich denken kann, ebenso vehement wie vergeblich entgegenfiebere. Träfe es endlich ein, ich würfe glattweg alle meine Prinzipien über den Haufen und würde sogar noch einmal ein Fußballstadion betreten.

Und das Beste an diesem Wunsch: Bielefeld bräuchte dafür nicht mal erstklassig zu spielen. Er könnte sich also auch durchaus erst nach dem dann achten Bundesligaabstieg erfüllen. Aber wenn sich Arminia Bielefelds erster Pokalfinalsieg schon in dieser Saison, und vielleicht sogar zusammen mit dem erstmaligen Gewinn der Deutschen Meisterschaft, ereignen sollte, hätte ich natürlich nichts dagegen.

Der Autor, Jahrgang 1958, war im Sommer 1968 neunfacher Torschütze beim 11:2-Sieg gegen die Sexta a – obwohl bei denen ihr Lateinlehrer mitspielte.