Neues von Daniel Kehlmann

Die Stimme aus dem Mockdown

Daniel Kehlmann kritisiert die Coronapolitik.
Die preisgekrönte Reportage Von

»Halt! Wer da?« So knurrt es bedrohlich über ein Megaphon, oben auf dem Jägersitz, hinter dem Stacheldraht. Wir heben die Hände, zeigen unsere Presseausweise. »Na gut«, sagt die Stimme noch mal, »offenbar sind Sie noch nicht so dystopisch, wie ich erwartet habe.« Eine Gestalt kommt herunter, lässt sich die Ausweise unterm Stacheldraht durchschieben. Dann lässt uns Großschriftsteller Daniel Kehlmann sein rusti­kales 16-Zimmer-Heim betreten. Hierher, ins entlegene Montauk, ist Kehlmann im März geflohen, vor der Coronadiktatur.

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»Ist draußen schon Nordkorea? Ich bekomme hier fast nichts mit, sitze die ganze Zeit vor der Playstation«, sagt Kehlmann, um uns dennoch ­sofort seine Einschätzung der Lage mitzuteilen: »Die Ausgangssperren in Spanien waren drakonisch. In Deutschland gab es keine Übersterblichkeit, und Kinder können erwiesenermaßen zur Schule gehen.« Drei starke Thesen – und alle drei nachweislich falsch! Wie macht dieser Mann das nur, der hauptberuflich erfundene Geschichten produziert, woher nimmt er sein Wissen?

»Ich war im ›Mockdown‹, wie ich ihn gerne nennen, sehr viel auf Youtube. Außerdem habe ich einen Roman geschrieben, in dem eine Seuche eine wichtige Rolle spielt. Wenn mich das nicht qualifiziert, weiß ich auch nicht!« Kehlmann gießt uns noch einmal Champagner nach. »Schmeckt er Ihnen? Der ist aus dem Laden einer Freundin in Soho. Sie zahlt 60 000 Euro Miete. Wenn das so weitergeht, muss sie den Laden bald schließen! Das ist dann der Untergang der Zivilisation.« Eine Träne läuft seine Wange herunter.

Höflich weisen wir Kehlmann da­rauf hin, dass er diese Sätze bereits im Interview mit der Welt gesagt hat. »Manche Dinge muss man wiederholen. Denn auch ein berühmter Schriftsteller wird oft nicht mehr gehört, wenn es darum geht, dass unser Menschenrecht auf Boutiquenbesuche bedroht ist. Diktatoren lernen jetzt gerade, wie man mit Infektionsschutz den Rechtsstaat aushebelt.« Wir verweisen darauf, dass die meisten Diktaturen die Existenz von ­Covid-19 geleugnet und Warner sogar bedroht haben. Kehlmann entsichert seine Flinte: »Der Trumpismus ist schuld daran, dass humanistische Vorschläge wie meiner, zugunsten offener Restaurants ein halbes Prozent der Bevölkerung sterben zu lassen, gleich unter Verdacht stehen. Ich hoffe wirklich, Sie sind keine Trumpisten.« Wir verabschieden uns höflich. Eine Gewehrsalve geht über unsere Köpfe. Ein letzter Salutschuss für die Zivilisation?

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.