Durch den Meinungskorridor

»Schlimmer als die DDR

Frau M. und der Meinungskorridor.
Die preisgekrönte Reportage Von

Kein Zweifel: Monika M. lebt zurückgezogen. Die unbequeme Stimme der DDR empfängt uns in ihrer gemütlichen Sieben-Zimmer-Wohnung im Zentrum Berlins. Eilig holt sie uns an der Pforte der kleinen gated community ab. »Mauern mag ich schon rein biographisch nicht«, sagt sie, als sie die Tür hastig hinter uns abschließt. »Ich spiele lieber die Türöffnerin. Allerdings ist es wichtig, auch zu schauen, wer reinkommt. Das ist der ewige Zwiespalt derjenigen, die wie ich seit 79 Jahren in Diktaturen leben.« Schnell führt sie uns über den Flur zu ihrer Wohnungstür, grummelt über die hier stattfindenden Bauarbeiten: »Der Meinungskorridor hier soll enger gemacht werden, wahscheinlich, damit nur noch dünne garstige Feuilletontanten durchpassen. Die Hausgemeinschaft agiert hier leider auf einer Linie mit dem diktatorischen Merkel-Regime!«

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Erschöpft lässt sich M. in ihren Eames-Chair fallen, bestellt beim Hausangestellten Rotwein. »Das Überleben fällt jeden Tag schwerer«, sagt sie mit brechender Stimme. Der Rauswurf bei einem renommierten Literaturverlag hat sichtlich an ihr gezehrt. »Wenn man in umstrittenen Reihen veröffentlicht, wird man in Deutschland ja ganz schnell mundtot gemacht. Niemanden steht einem mehr bei, nur das literarische Feuilleton der Welt, der Spiegel oder die »Tagesschau«. Das reicht nicht! Solange ich in Deutschland nicht konsequenzfrei jeden Mist machen kann, ist das Merkel-Regime schlimmer als die DDR!«

Wir verweisen sie auf ihre Nähe zu Pegida, die Zusammenarbeit mit prominenten Neurechten. Sie winkt ab: »Ich mache mir nur Gedanken, die sich gerade jeder im Kulturbetrieb macht. Wann ist es Zeit, komplett zu den Rechten rüberzumachen? Kann ich da noch absahnen? Oder lieber noch mal ein, zwei Jahre auf Mitte-rechts machen? Ein paar Anti-PC-Statements in die Zeit rotzen? Das ist das ewige Dilemma einer randständigen Widerständlerin«, sagt die Autorin, die jahrzehntelang im Lehrplan des Deutschunterrichts stand. »Leider gibt es kein Westdeutschland mehr, in das ich rübermachen kann. Aber eventuell wird mir Eva Hermans Kolonie in Kanada Asyl gewähren. Bevor Merkel persönlich mein Todesurteil unterschreibt!«

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.