Das neue Album der Mountain Goats ist abwechslungsreicher als seine Vorgänger

Sympathie für die Bestie

Das neue Album der Mountain Goats besteht aus brutaler und komischer, dabei aber immer melancholischer Krisenmusik.

»Put it all on the table and let it ride«, singt John Darnielle im Refrain von »Corsican Mastiff Stride«, dem ersten Lied auf der neuen Platte der Mountain Goats, und gibt damit gewissermaßen auch die Devise für ihr 19. Studioalbum aus. »Getting Into Knives« ist nicht nur bereits das zweite Album der Band in diesem Jahr, sondern auch das musikalisch abwechslungsreichste ihrer gesamten Diskographie: Es steht weiterhin loyal zum Indie-Folk, variiert aber gekonnt dessen Ausprägungen, auf der Platte sind Country-, Soul-, Blues- und sogar Rockabilly-Stücke zu finden. Damit ist das Werk so­zusagen der Gegenentwurf zum Low-Fidelity-Album »Songs for Pierre Chuvin«, das Sänger und Texter Darnielle während der Frühjahrsquarantäne alleine in seinem Haus aufnahm, um mit den Verkaufserlösen beispielsweise die Crew der zwangsweise verschobenen Tour zu unterstützen.

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Trotz Zeilen wie »Everything becomes a blur from six feet away / Get used to this« ist »Getting Into Knives« kein Corona-Album; die Aufnahmen entstanden bereits im März, kurz bevor die USA von der Pandemie lahmgelegt wurden, und zwar bei Sam Phillips Recording in Memphis, in dessen Studios schon Johnny Cash, Elvis Presley und The Cramps aufgenommen hatten. Durch diese Ortswahl kamen auch die für die Bandbreite an Sounds mitverantwortlichen Gastspiele von Hammond-­Organist Charles Hodges und Trompeter/Hornist Tom Clary, die beide in Memphis leben, zustande.

Nachdem in den vergangenen Jahren Mottoalben wie »Goths« (2017) und »In League with Dragons« (2019) Zweifel an Darnielles Kreativität ­geweckt hatten, überzeugt »Getting Into Knives« mit thematischer Vielfalt und textlicher Präzision. Ob die satirische Betrachtung derer, die um jeden Preis berühmt sein wollen, in »Get Famous« (»You arrive on the scene like a message from God«) oder das von einem Tweet der Dichterin Maggie Smith inspirierte Lied »Picture of My Dress« über eine Frau, die nach ihrer Scheidung einen Roadtrip in ihrem Hochzeitskleid unternimmt, um wieder zu sich selbst zu finden (»I’m going to have to chase down the remnants / Of some­thing special that you stole from me«) – John Darnielle kann wie kaum ein zweiter Geschichten erzählen, die sich trotz thematischer ­Varianz letztlich immer in die Abgründe des Menschseins blicken, ­allen voran auf die Einsamkeit, aber auch auf die Grenze zum nicht (mehr) Menschlichen, zum Bösen. »When you see the risen beast in your nightmares / You treat him like a long-lost brother / But when you pass him on the streets of the city by day / You pretend you don’t recognize each other«, heißt es im Lied »As Many Candles as Possible«.

Die Versuchung, »Getting Into Knives« fälschlicherweise auf die Covid-19-Pandemie zu beziehen, ist auch deshalb so naheliegend, weil The Mountain Goats schon immer Krisenmusik gemacht haben – mal brutal, mal komisch, aber stets melancholisch. Das Album ist wie geschaffen für den kommenden kontaktbeschränkten Winter. Sein abschließendes und titelgebendes Stück erkundet die Radikalisierung eines lone wolf in einer einfühlsamen Ballade: »I sought wisdom from the sages / Consulted with master tacticians / Met up with some guys, who wouldn’t tell me their last names / They specialized in non-conventional munitions.« Ohne eil­fertige moralische Abgrenzung zur Bestie, makellos in Sprache und Musik, endet die Platte: »Behold, I stand at the door, and I knock, and then I knock twice / I’ve adjusted my focus, I’m getting into knives.«

The Mountain Goats: Getting Into Knives (Merge Records)