Homestory #47

»Denn die Zeit ist nahe« – am letzten Produktionstag ist das eine Mahnung, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrer Lieblingswochenzeitung immer im Sinn haben. Aber Johannes dachte noch nicht an ungeduldig wartende Drucker, als er mit diesen Worten auf die Dringlichkeit seiner Offenbarung hinweisen wollte. Seitdem sind fast 2 000 Jahre vergangen, ohne dass die Welt untergegangen wäre, aber deshalb muss man die Hoffnung ja nicht aufgeben. ­Zumindest sollte man vorbereitet sein, insbesondere wenn man ­irgendwas mit Medien macht. Folgt man Johannes, ist der Welt­untergang eine große Show, die sich eine Weile hinzieht. Es wäre also Zeit für Schlagzeilen wie: »Scharlachfarbenes Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern gesichtet – Unfall in US-Genlabor?« Ein plötzlicher Weltuntergang, etwa ein Asteroideneinschlag ohne lange Vorwarnzeit, ließe hingegen Ihrer Lieblingswochenzeitung keine Zeit, Sie mit einem letzten supercoolen Thema zu beglücken. Deswegen würden wir natürlich beim Jüngsten Gericht Klage erheben, aber wie man hört, geht es dort nicht gerade rechtsstaatlich zu.

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Bei CNN ist man auf den Weltuntergang offenbar vorbereitet. Die Existenz des »Turner Doomsday Video« wurde zwar nie offiziell bestätigt, dessen Inhalt entspricht aber einer Ankündigung Ted Turners, der den Sender gegründet hat: Eine Militärkapelle spielt »Nearer, My God, to Thee«. Aber soll das wirklich der Ausklang der menschlichen Existenz sein? Bei der Jungle World gibt es andere Vorstellungen über einen passenden Soundtrack zur Apokalypse. Hier werden interessante Sichtweisen auf das Event deutlich. Da möchte jemand zu »Where Is My Mind« von den Pixies das Finale von »Fight Club« sehen, freut sich aber auch auf den »Perfect Day« von Lou Reed. Eine ähnlich dialektische Herangehensweise offenbart der Wunsch, »Deathwish« von Christian Death zu hören, »die ganze LP, wenn es trüb sein soll« – ja, so viel Zeit muss sein, »es gibt schließlich nur einen Weltuntergang«, und »wenn es fröhlich sein soll«, darf »Ska aller Art« nicht fehlen.
Es offenbart sich eine gewisse Vorliebe für Punk. »My Way« von den Sex Pistols gibt noch einmal Gelegenheit zur Selbstreflexion, »Nervous Breakdown« von Black Flag dürfte dem Gemütszustand bei diesem Anlass entsprechen und »The Final Countdown« von den Toy Dolls einen würdigen Abschluss bilden. »No Return« von PVC geht natürlich auch. Es ist aber nicht so, dass das Christentum spurlos an uns vorübergegangen wäre. »Dies irae«, der dritte Abschnitt von György Ligetis »Requiem«, steht ebenfalls auf der Wunschliste. Die meisten Nennungen entfallen auf »The Man Comes Around« von Johnny Cash. Und das, Herr Turner, wäre doch wohl auch passender für Ihren Sender, Sie sollten das Video schleunigst austauschen, man weiß ja nie, wann es so weit ist. Wir hingegen müssen uns nun, nachdem wir unsere Zeit bei Youtube und Spotify vertrödelt haben, wieder der Schlussproduktion zuwenden. Denn die Zeit ist nahe.