Die deutsche Impfgegner-­Szene ist in der Pandemie enorm gewachsen

Esos gegen Wissenschaft

Die Szene der Impfgegner ist gemeinsam mit der Bewegung der Pandemieleugner in Deutschland enorm gewachsen. Impfungen abzulehnen, ist hier inzwischen gesellschaftlich akzeptiert.

Grundsätzliche Impfgegner treten zwar gerne als Impfkritiker oder Impfskep­tiker auf, aber ihre Überzeugungen sind unerschütterlich. Vor der Covid-19-­Pandemie war diese Szene in Deutschland relativ überschaubar, allerdings bereits durch die zum 1. März vergangenen Jahres eingeführte Impfpflicht für Kinder gegen Masern mobilisiert. Bereits zu einer Demonstration am 15. September 2019 in Berlin waren 2 000 Personen aus dem ganzen Bundesgebiet gekommen.

Anzeige

Bis April vorigen Jahres organisierte sich die Szene vor allem in kleineren Initiativen wie dem in der Schweiz ansässigen Netzwerk Impfentscheid, dem Netzwerk für unabhängige Impf­aufklärung, das die Zeitschrift Impf-­Report herausgibt, oder dem Verein Libertas & Sanitas, der derzeit eine Verfassungsbeschwerde gegen die Masernimpflicht anstrebt.

Der Impf-Report versorgt seine Anhänger seit 2004 mit zweifelhaften Einschätzungen und Nachschub an neuen Horrornachrichten über angebliche oder tatsächliche Impfschäden. Gründer und Herausgeber des Impf-Reports sowie Buchautor zum Thema ist Hans Tolzin aus Herrenberg bei Stuttgart. Er betreibt einen eigenen Verlag, veröffentlicht aber auch im rechtslastigen Kopp-Verlag. Die als Beilage der Taz ­erscheinende Kontext-Wochenzeitung nannte Tolzin im vergangenen Jahr ­einen »Pop-Star der deutschen Impfgegner-Szene«. Der ehemalige Molkereifachmann ist auf Journalisten nicht gut zu sprechen, am Rande einer Demonstration von Impfgegnern im Juni 2018 in Nürnberg griff er ein Fernsehteam von »Spiegel TV« körperlich an, wie ein Video zeigt, das der Spiegel auf Youtube veröffentlichte. Tolzin war gesundheitspolitischer Sprecher der verschwörungstheoretischen Kleinpartei »Deutsche Mitte« (DM). Für diese kandidierte er in Baden-Württemberg zur Bundestagswahl 2017. 2018 verließ er die DM. In der aktuellen Ausgabe des Impf-Reports schreibt Tolzin »angesichts der weltweit um sich greifenden Virusphobie« eine Belohnung von 100 000 Euro »für einen nachvollziehbaren Virusbeweis bei Sars-CoV-2« aus. In der mehr als 130 Seiten dicken Doppelnummer will er die »wahre Geschichte des Coronavirus« nacherzählen, die er darin sieht, dass nie nach »alternativen Krankheitsursachen« gesucht worden sei, sondern vielmehr alle, die kritische Fragen hätten, »öffentlich kaltgestellt« würden und »jeglicher ergebnisoffener wissenschaftlicher Disput von den Massenmedien im Keim erstickt« würde.

Der Sound der Bewegung kommt vom verschwörungsraunenden HipHop-Duo Die Bandbreite. Für eine Anti-Impf-Demo in Berlin am 16. September 2017 warb die Band mit dem Song »Bitte impft sie nicht!«
Angehörige dieser Szene bezeichnen sich selbst als Impfkritiker und behaupten, sie wollten nur plausible Fragen und berechtigte Zweifel äußern. Auf den einschlägigen Websites finden sich ­allerhand Behauptungen über krankheitsauslösende Zusatzstoffe in Impfstoffen, immense Dunkelziffern bei Nebenwirkungen oder Thesen darüber, dass es bestimmte Viruserkrankungen gar nicht gebe; zu möglichen positiven Wirkungen von Impfungen sind dagegen keine Informationen zu finden.

Die politischen Präferenzen der Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, scheinen einer ARD-Deutschlandtrend-Umfrage von Mitte Januar zufolge vor allem bei der AfD zu liegen; 42 Prozent der Befragten äußerten Sympathie für die Partei. Nur bei Wählern der Linkspartei ist die Ablehnung mit 13 Prozent ebenfalls zweistellig. Die auch vor der Pandemie statistisch belegbare geringere Impfwilligkeit in Baden-Württemberg wird oft darauf zurückgeführt, dass die Anthroposophie, eine pseudowissenschaftliche esoterische Strömung, dort weiter verbreitet ist als in anderen Bundesländern. Einzelne Zitate ihres Gründers Rudolf Steiner (1861–1925) untermauern die Impf­ablehnung. Er warnte davor, dass durch Impfungen die Seele abgeschafft und ausgetrieben werde. In den vergangenen Monaten tauchten vermehrt Steiner-Zitate zum angeblichen »Seelenmord« als Sharepics in den sozialen Medien auf. Dass der Vorstand des Vereins »Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V.« vor allem von anthroposophischen Ärzten gestellt wird, verwundert da kaum.

Ein Teil dieser anthroposophischen Hardliner schloss sich mit Vertretern anderer esoterischer Lehren der Bewegung der Pandemieleugner an, die ähnlich wie die Impfgegner teilweise im grün-alternativen Milieu verankert sind. In diesem Milieu korrespondieren seit langem starke Affinität zur Alternativmedizin und hohe Impfskepsis. Diese Haltung hat sich inzwischen politisiert, der Hang zum Glauben an Verschwörungstheorien hat sich verstärkt. Was früher oft nur latent vorhanden war, wurde durch die Pandemie und die staatlichen Maßnahmen aktiviert. Aus Verschwörungsgerüchten wurden Verschwörungstheorien und aus Impfskepsis wurde Impfablehnung.

Die verschwörungstheoretische Bewegung der Pandemieleugner scheint seit einigen Monaten auch in großen Teilen eine Bewegung gegen das Impfen geworden zu sein. Als Bösewicht wurde vor allem Bill Gates ausgemacht. Es heißt, dieser wolle per Zwangsimpfung und »Chippen« die Weltbevölkerung entweder versklaven oder ausmerzen – hier scheint man sich nicht ganz sicher.

Die AfD aber auch neonazistische Parteien wie die NPD oder »Der III. Weg« greifen das Thema Impfen auf und inszenieren sich als die Vertretung impf­skeptischer bis -ablehnender Bevölkerungsteile gegen eine angeblich drohende Impfpflicht gegen Sars-CoV-2. In einer Anfang dieses Jahres begonnenen Kampagne »Freiheit statt Corona-Impfzwang« leugnet »Der III. Weg« die gravierenden Folgen der Pandemie und fordert die »mediale und politische Hysterie über die Corona-Pandemie beenden!« Extreme Rechte beklagen, dass die Souveränität von Eltern über ihre Kinder verloren gehen könnte. Außerdem halten viele eine Aus­lese, bei der die Schwächeren auf der Strecke bleiben, aus sozialdarwinistischen Motiven für erstrebenswert. Eine Zwangsimpfung gilt ihnen als Beitrag zum Untergang des Abendlandes. Doch die extreme Rechte springt eher auf einen bereits fahrenden Zug auf, statt ihn zu steuern.