Grüner Wohnen mit Anton Hofreiter

Keine Villen im Tessin und auch kein Haus in Hamburg-Nord

Anton Hofreiters Problem mit den Eigenheimen.
Die preisgekrönte Reportage Von

»Grüne wollen uns auf die Straße setzen!«, »Eigenheim statt Enteignungen«, »Stoppt die miesen Häuserfeinde!« Das sind nur einige der wüsten Beschimpfungen, die sich der Bundestagsfraktionsvorsitzende der Grünen, Anton Hofreiter, gefallen lassen muss, seit er Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt auf Twitter versehentlich entblockt hat. Der Hintergrund: Ein grüner Bezirksamtsleiter in Hamburg wollte den Neubau von Einfamilienhäusern unterbinden, Hofreiter begrüßte das in einem Interview. Der Sturm ließ nicht lange auf sich warten: Zivilgesellschaftliche Organisationen empörten sich, darunter Gruppierungen wie der »Arbeitskreis Alleinwohnende«, »Reich und soziophob e. V.« oder auch die »Kritischen Villenbesitzer in der SPD«.

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Wir treffen Anton Hofreiter in seinem WG-Zimmer in Berlin-Schöneberg. Die knapp geschnittene Elfer-WG ist heute reich bevölkert, denn zum traditionellen Lasagne-Mittwoch bringt man gerne Gäste mit – auch in Coronazeiten. Anton Hofreiter lässt sich gerade von einer Bekannten die Haare verlängern, bittet uns dennoch jovial herein: »Willkommen auf meinen zehn Kuh-Emm!« Das Zimmer ist spärlich eingerichtet; nur ein einzelnes Pulp-Fiction-Poster ziert die kargen Wände. »Ich sag’ immer: Platz ist in der kleinsten Hölle, haha!«

Wir gehen dem Sympathiewerben aus dem Weg und steigen sofort kritisch ein: Herr Hofreiter, wollen Sie uns alle auf winzigem Raum zusammenpferchen wie zu den grausamsten Zeiten der DDR-Hölle? »Dazu gibt es momentan leider keine gesetzliche Handhabe«, bedauert Hofreiter. »Um ein Missverständnis zu klären: Wir Grünen sind die Partei, die vom reichsten Viertel der Bevölkerung gewählt wird. Solange das so ist, werden wir den Leuten ihre Vorstadtvillen natürlich nicht wegnehmen. Das Neubauverbot bezieht sich deshalb auch ausschließlich auf jene, die noch nicht reich sind, sondern es erst werden wollen. Diese Leute werden wir bis aufs Blut bekämpfen!«

Wir wollen Hofreiter nach dem seit Jahrzehnten stagnierenden sozialen Wohnungsbau fragen, nach dem Anstieg innerstädtischer Mieten auch unter grünen Regierungen – doch da kommen die 14 Übernachtungsgäste herein, die Hofreiter am Lasagne-Mittwoch regelmäßig beherbergt. »Wenn Sie im Schrank schlafen, können Sie mich morgen weiterinterviewen!« Das ist sie wohl, die neue grüne Bürgerlichkeit …

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.