Die preisgekrönte Reportage: Die neue Habermas-Debatte

»Pure Vernunft darf niemals siegen«

Kolumne Von

Es ist jetzt erst wenige Tage her, ­dass Kommunikationsphilosoph Jürgen Habermas den mit knapp 250 00 Euro dotierten Sheikh Zayed Book Award nun doch abgelehnt hat. Er habe sich nicht klar gemacht, wie eng die Beziehungen der Jury in Abu Dhabi zum Regime seien, so der Philosoph in einem Statement. Doch wie reagiert die philosophische Szene Deutschlands auf diese Entscheidung?

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»Kein gutes Signal«, meint etwa Richard David Precht (Bestseller derzeit: »Basteln mit Brotresten«). »Herr Habermas kann es sich leisten, er ist durch Nachdenken bereits Millionär geworden«, so Precht. »Aber was ist mit den vielen kleinen Philosophinnen und Philosophen, an die niemand denkt? Sie müssen sich weiter von Buchvertrag zu Buchvertrag, von Talkshow zu Talkshow hangeln.« Auch sein Kollege Peter Sloterdijk sieht Habermas’ Ablehnung kritisch: »Sir Karl Popper hat es einmal sehr treffend gesagt: Pure Vernunft darf niemals siegen! Um der Rationalität Genüge zu tun, müssen wir zunächst jeden Preis annehmen, um ihn dann zu falsifizieren: Waren die Gründe, aus denen er mir verliehen wurde, überhaupt die richtigen? Könnte auch das Gegenteil wahr sein? Bis diese kritischen Fragen geklärt sind, ist das Preisgeld ohnehin schon wieder ausgegeben.«

»Ich verstehe die Debatte nicht«, sagt Lebensrechtsphilosophin Juli Zeh. »Mir scheint, wir haben in der Coronakrise etwas Wichtiges verlernt: Wer immer nur darauf schaut, woher das Geld kommt, bringt irgendwann einmal die freiheitliche Demokratie zum Erliegen. Wes’ Brot ich ess, des Lied ich sing, heißt es dazu im Grundgesetz. Wenn es nun plötzlich kein Brot mehr gibt, gibt es irgendwann auch keine Lieder mehr. Und das würde mich persönlich sehr traurig machen!«

Kritik kommt auch aus Freiburg, von Jungphilosoph Markus Gabriel: »Ich persönlich finde es schade, dass Herr Habermas diesen sogenannten ›Book Award‹ nicht angenommen hat. In der Preisrede hätte er ein starkes Zeichen gegen zu viele Anglizismen im internationalen philosophischen Diskurs setzen können. Im Übrigen muss der Börsenverein des deutschen Buchhandels prüfen, ob Herr Habermas mit seiner Weigerung, einen Buchpreis anzunehmen,
nicht gegen die Buchpreisbindung verstößt.«