Small Talk mit Niklas Vögeding über die Beratungsstelle Veritas für Leidtragende von Verschwörungstheorien

»Die Pandemie ist ein Katalysator für Verschwörungserzählungen«

Die Beratungsstelle Veritas des Berliner Vereins Cultures interactive e. V. bietet seit Anfang des Jahres Hilfe für Opfer und Betroffene von Verschwörungserzählungen an. Die Jungle World hat mit Niklas Vögeding gesprochen, der in der Projektentwicklung und Beratung des vom Land Berlin geförderten Vereins tätig ist.

Verschwörungserzählungen überschneiden sich häufig mit Narrativen, die auch im rechts­extremen oder antisemitischen Bereich ver­breitet sind. Was macht das Angebot von Veritas aus?

Anzeige

Unser Angebot richtet sich an all diejenigen, die in ihrem privaten oder beruflichen Umfeld mit Menschen konfrontiert sind, die verschwörungsgläubig sind. In unserer Beratung tauchen sehr oft Leute auf, die sich von den bisher bestehenden Beratungsstrukturen nicht angesprochen fühlen, weil sie zum Beispiel ihre Angehörigen eben nicht als rechtsex­trem bezeichnen würden und gar nicht auf die Idee kämen, eine Beratung gegen Rechtsextremismus aufzusuchen. Zudem sind Verschwörungserzählungen ein verbindendes Element verschiedenster politischer Ideologien.

An die Beratungsstelle können sich nicht nur Angehörige und Freunde, sondern auch verschwörungsgläubige Personen selbst wenden. Welche Unterstützung braucht jemand, der das ­eigene Weltbild bereits in Frage stellt?

Mit der Verschwörungsgläubigkeit in einer radikalen Form können auch krasse soziale Konsequenzen einhergehen. Man isoliert sich, schottet sich ab von der Familie, vom Freundeskreis, eventuell verliert man den Arbeitsplatz. Wenn eine Person dann merkt, dass die Konsequenzen ihres Verschwörungsglaubens zu schwer wiegen, dann möchten wir sie dabei unterstützen, wieder in ihr altes Leben zu finden.

Hat die Covid-19-Pandemie dazu geführt, dass Verschwörungsmythen mehr Verbreitung finden, oder hat diese das Problem nur deutlicher hervortreten lassen?

Beides. Studien konnten schon vor der Pandemie zeigen, dass bis zu einem Drittel der Menschen in Deutschland offen sind für den Glauben an Verschwörungsmythen. In der Autoritarismusstudie der Universität Leipzig von 2020 sieht man aber, dass es seit Beginn der Pandemie einen Anstieg gab. Es gibt zudem derzeit einen gesellschaftlichen Fokus auf das Thema, was zur Folge haben könnte, dass der Anstieg größer wirkt, als er eigentlich ist. Mein Eindruck aus den Beratungen ist, dass die verschwörungsgläubigen Stimmen lauter werden. Die Pandemie ist ein Katalysator dafür, in den Ansichten radikaler zu werden und weiteren Verschwörungstheorien anheim zu fallen.

Welche Angebote bräuchte es neben Beratungsstellen, um Verschwörungserzählungen ent­gegenzuwirken?

Man kann fordern, dass schon in der Schule stärker dafür sensibilisiert werden müsste, oder darüber sprechen, wie zum Beispiel der gesellschaftliche und politische Umgang mit den »Querdenken«-Demons­trationen aussehen müsste – diese Fragen betreffen meine Arbeit aber nur indirekt. Was es vor allem braucht, ist eine Sensibilisierung dafür, welche psychologischen Funktionen der Glaube an eine Verschwörungstheorie hat. Da geht es um ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, das Kompensieren von Ohnmachtserfahrungen – wenn man das vor Augen hat, fällt es den betroffenen Personen vielleicht leichter, mit Menschen im eigenen Umfeld zu reden und sie darin zu unterstützen, auch wieder offen für andere Denkmodelle zu werden.