Homestory

Homestory #30

Alle reden von Annalena Baerbock. Wir reden auf unseren Thema-Seiten über die Leute, die die Bücher von Politikern tatsächlich schrei­ben: Ghostwriter, Autoren, die ungenannt bleiben, gut schreiben können, Ahnung vom jeweiligen Sachgebiet haben, aber nur schlecht bis mäßig gut verdienen. Einige von uns haben selbst einschlägige Erfahrungen mit dem Schreiben für andere. Für richtig Prominente hat allerdings noch niemand von uns gearbeitet, ­worauf an dieser Stelle mit Stolz hingewiesen sei.

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Es gehört zum festen Anekdotenschatz der Jungle World, dass es einer unserer ehemaligen Kollegen trotz großer Geldnot und nach einigem Hin- und Herüberlegen ablehnte, eine Rede für den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder zu schreiben. Es ging um eine Eröffnungsrede auf einem Festival. Der Angefragte aber hat entschieden, dass er nicht der dienstbare Geist für den Mann sein wollte, der mit dem Satz »Es gibt kein Recht auf Faulheit« Karriere gemacht hat.

Ein anderer Kollege hatte schon einen Fuß in der Tür der Ghostwriting-Branche. Der erste Auftrag, den ihm die Agentur anbot, bei der er sich beworben hatte, war eine Hausarbeit über Migration im deutschen Kaiserreich. 400 Euro hätte er dafür bekommen. Er ließ es dann allerdings bleiben, verfasste lieber Texte unter eigenem Namen für die Jungle World und wurde Redakteur.

Hausarbeiten, Bewerbungen, Aufsätze für Kommilitonen, Freunde und Familienmitglieder gegen schlechte Bezahlung oder ein Dankeschön wurden von Kollegen und Kolleginnen (»Du schreibst doch gerne«, »Du machst das doch mit links« und so weiter) schon viele verfasst. Richtig spannend wird es aber natürlich erst, wenn bekannte Personen des öffentlichen Lebens andere für sich schreiben lassen. Das sagen auch die beiden Soziologen Michael Anteby und Nicholas Occhiuto, die über die Ghostwriting-Branche forschen (siehe unser Interview auf Seite 5). Anteby war bei einem geselligen Abendessen in Frankreich dem leibhaftigen Ghost eines bekannten französischen Schriftstellers begegnet. Der Mann habe erzählt, dass er das komplette Werk des betreffenden Literaten geschrieben habe.

Leider wollte Anteby uns nicht verraten, für wen der Profischreiber die Werke verfasst hat. Antebys Interesse am Thema Ghostwriting war mit dieser Begegnung jedenfalls geweckt. In der Redaktion wird unterdessen gerätselt, wer der literarische Hochstapler sein könnte. Oder war der Auftragsschreiber der Hochstapler? Es bleibt spannend.