Was kümmert mich der Dax.

Idylle und Ideologie

Das saftige Grün der Wiesen, die imposanten Berge, die zahlreichen Seen, dazu die in malerischer Holzbauweise an den Hang geschmiegten Häuser und zottige Rinder mit Glöckchen, die draußen weiden – ohne Zweifel eignet sich die Schweiz weit besser für die ­Romantisierung des Landlebens als die brandenburgische Steppe oder die ostwestfälische Einöde. Diese Romantisierung kann ein harmlose Marotte sein, doch in der Schweiz dient sie vor allem den Rechtspopulisten dazu, einen Stadt-Land-Konflikt zu inszenieren – urtümliche Dörflichkeit wird gegen ­dekadente Urbanität ins Feld geführt.

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Im wirklichen Leben bietet die Agrarwirtschaft der Schweiz etwa 100 000 Voll- und knapp 50 000 Nebenerwerbsarbeitsplätze. Diese 2,5 Prozent der ­Erwerbstätigen erwirtschaften 0,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, und sie könnten die Ernährungssouve­ränität nicht sichern. Der Selbstversorgungsgrad betrug 2018 den Berechnungen des statistischen Dienstes des Schweizer Bauernverbands zufolge 58 Prozent. Das liegt nicht an den vergleichsweise strengen Tierschutzge­setzen; bei Milch, Milchprodukten und tierischen Fetten liegt der Selbstversorgungsgrad über 100 Prozent, bei Fleisch beträgt er 86 Prozent. In der Schweiz wächst jedoch kaum mehr als die Hälfte des benötigten Getreides und, im Krisenfall ja nicht unwichtig: Die einheimische Produktion deckt nur 20 Prozent des Bedarfs an alkoholischen Getränken. Dieser Posten fehlt, wie auch Tabak, bei der staatlichen Lagerhaltung – immerhin lässt der Bundesrat einen Kaffeevorrat für drei Monate bunkern.

Die Abhängigkeit der Schweiz vom Welthandel dürfte auch den Rechts­populisten bewusst sein; dass der Urbanisierungsgrad bei knapp 85 Prozent liegt, wird ihnen ebenfalls nicht gänzlich entgangen sein. Überdies ist es in einer hochtechnologisierten Gesellschaft auch Bergbauern möglich, die Idiotie des Landlebens hinter sich zu lassen. Man kann diese aber in der Stadt kultivieren, denn räumlich beengtes Zusammenleben erzeugt nicht zwangsläufig Urbanität. Die rechtspopulistische Kuhglockenidylle ist reaktionäre Ideologie, die sich auf eine imaginierte Vergangenheit beruft – die heile Familie, die in der Kampagne gegen die Ehe für alle ins Feld geführt wird, hat es nie gegeben, und was im Rückblick rustikal erscheinen mag, war Anpassung an bittere Armut.

Der Trick ist uralt, schon Cato der Ältere agitierte im zweiten Jahrhundert vor Christus auf vergleichbare Weise gegen den aus seiner Sicht verweichlichenden Einfluss der griechischen Kultur auf das wehrhaft-rustikale Römertum. Heutzutage sollte es leichter fallen, den Schwindel zu durchschauen, da die Quellen nur ein paar Mausklicks entfernt sind. Gegen die selbstgewählte Idiotie ist die Aufklärung jedoch weitgehend machtlos.