In Neuseeland wurde eine ­Fledermaus zum Vogel des Jahres gewählt

Komischer Vogel

Laborbericht Von

Neuseeland ist nicht nur für seine entschiedene Pandemiebekämpfung und als Kulisse für »Herr der Ringe« bekannt, sondern vor allem für seine seine Vogelwelt. Das liegt an der isolierten Lage der Doppelinsel, deren Untergrund sich vor rund 85 Millionen Jahren vom damaligen Großkontinent Gondwana abspaltete. Die weitere Geschichte der tektonischen Platte namens Zealandia spielte sich größtenteils unter Wasser ab; erst vor rund 25 Millionen Jahren hoben sich die heutigen Inseln über den Meeresspiegel. In der Zeit zwischen Abspaltung und Auftauchen hatte die Erde jenen folgenreichen Meteoritentreffer abbekommen, der das fast vollständige Aussterben der Dinosaurier verursachte.

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Mit Betonung auf fast, denn eine Linie von gefiederten Dinos, die wir heutzutage als Vögel kennen, überlebte und eroberte fast jeden Lebensraum der Erde. Neuseeland erwies sich als Glücksfall: Dank der geologischen Geschichte gab es hier keine befellte Konkurrenz, die andernorts die ökologischen Nischen besetzt hielt. So entwickelte sich eine einzigartige Vogelwelt: Moas – riesige Laufvögel – betätigten sich als Pflanzenfresser, das größte Raubtier war ein Adler mit drei Metern Spannweite und während anderswo Igel und Spitzmäuse den Boden nach Kleingetier ­absuchten, übernahmen das auf Neuseeland die Kiwis.

Erst vor rund 900 Jahren erreichten Menschen, die Maori, den abgelegensten Winkel der Welt – etwa 100 Jahre später waren die Moas ausgerottet, die Riesenadler folgten bald. Nach den Maori kamen die Europäer und mit ihnen Katzen und Schiffsratten, die sich über die oftmals flugunfähigen oder bodenbrütenden Vögel und ihre Gelege hermachten, während die Schafzucht zahlreiche Lebensräume zerstörte.

Immerhin ist man sich in Neuseeland inzwischen der menschengemachten Probleme bewusst: Ambitionierte Artenschutzprogramme und Aktionen wie die Wahl zum Vogel des Jahres sollen das Bewusstsein für die Bedrängnis der Vögel schärfen. Dieses Jahr sorgte die Organisation Forest and Bird, die für die Kür verantwortlich ist, für hitzige Debatten, denn neben Vögeln stand auch die Lappenfledermaus zur Wahl. Diese und zwei andere Fledermausarten sind die einzigen Säugetiere, die endemisch in Neuseeland vorkommen, und außer Flügeln und ihrer prekären ökologischen Lage haben sie wenig mit der gefiederten Konkurrenz gemein. Dennoch gewann Pekapeka-tou-roa, wie die Maori das Tier nennen, die Abstimmung mit großer Mehrheit.

Auch die Kritiker der Entscheidung können sich freuen, denn dank der Diskussion darüber, weshalb der Titel nicht an den Kiwi oder den flugunfähigen Eulenpapagei Kakapo ging, bekamen auch diese und andere Vögel mehr Aufmerksamkeit, als es bei einer strikt ornithologischen Auswahl der Fall gewesen wäre. Und der Rest der Welt darf ein Land beneiden, in dem man sich statt über Pandemiepolitik darüber streitet, ob eine Fledermaus ein Vogel sein darf.