Anita Lanes letztes Album »Sex O’Clock« wurde wiederveröffentlicht

Lanes Libido

Underground-Ikone, Sexsymbol, Virtuosin – die in diesem Jahr verstorbene Anita Lane war eine einflussreiche Musikerin. Ihr zweites Soloalbum »Sex O’Clock« erscheint nun zum 20jährigen Jubiläum der Erstveröffentlichung zum ersten Mal auf Vinyl.

Du denkst, du kennst die Trauer, du denkst, du hast ihre Mechanismen durchschaut, du denkst, du bist der Trauer ­gewachsen – stärker, weiser, widerstandsfähiger – du denkst, dass es nichts mehr gibt, was dich in dieser Welt verletzen kann, und dann stirbt Anita«, schrieb Nick Cave auf seinem Blog »The Red Hand Files« als Reaktion auf den Tod der Sängerin und Songwriterin Anita Lane. Sie war im April 2021 im Alter von nur 61 Jahren gestorben; in ihren letzten Jahren hatte sie mit allerlei Krankheiten zu kämpfen. Dass sich Cave so tief getroffen zeigte, bezeugte nicht nur, wie wichtig ihm seine persönliche Beziehung zu Lane war, sondern auch, wie viel er ihr in musikalischer Hinsicht zu verdanken hatte.

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Lane und Cave lernten sich 1977 im australischen Melbourne kennen. Einander vorgestellt hat sie der gemeinsame Freund Rowland S. ­Howard, der später der Gitarrist von Caves erster Band The Boys Next Door werden sollte, die sich 1980 in The Birthday Party umbenannte. Lane und Cave gingen eine Beziehung miteinander ein, und als The Birthday Party erst nach London und dann 1982 nach West-Berlin zogen, ging sie mit. Dort lernte sie Musiker wie Blixa Bargeld oder Gudrun Gut kennen, mit denen sie entweder später zusammenarbeitete oder sich zumindest im selben Dunstkreis bewegte.

Bedrohlich düstere Songs wechseln sich auf »Sex O’Clock« mit weichen Tönen ab, die entweder an Chansons erinnern oder gleich aus einem Softporno stammen könnten.

Gelegentlich wurde behauptet, Lane sei die Muse von Nick Cave gewesen, doch nicht nur verachtete sie Cave zufolge dieses Konzept, sie war auch viel mehr als das, wie er in dem Blogeintrag darlegte: »Sie war der Kopf hinter The Birthday Party, schrieb einen Haufen ihrer Songs, schrieb ›From Her to Eternity‹, The ›World’s a Girl‹, ›Sugar in a Hurricane‹ und meinen Lieblingssong der Bad Seeds, ›Stranger Than Kindness‹.« Lanes spätere Beteiligung an Nick Cave and the Bad Seeds war eher sporadischer Natur, aber die Zusammenarbeit mit den Bad Seeds setzte sich in der einen oder anderen Weise in ihrem Solowerk fort, auch nach der Trennung vom Kopf der Band.

Lane, die dazu beitrug, den Geist des Bösen im Rock ’n’ Roll neu zu definieren, war nach dieser Zeit eine ­eigenständige Künstlerin und Post-Punk-Galionsfigur. Neben zahlreichen Kollaborationen mit anderen Musikern veröffentlichte sie zwei einzigartige Soloalben: 1993 »Dirty Pearl« und 2001 »Sex O’Clock«, das nun zum 20jährigen Jubiläum neu erschienen und zum ersten mal auf Vinyl erhältlich ist.

Dass ihr erstes Soloalbum erst 1993 erschien, bedeutet nicht, dass Lane in der Zwischenzeit nicht ge­arbeitet hätte. »Dirty Pearl« war eher eine Art Compilation als ein Album. Zwar enthält es Songs, die exklusiv dafür aufgenommen wurden, es versammelt aber auch allerlei Ergebnisse von Lanes Zusammenarbeit mit anderen Musikern (vor allem mit Blixa Bargeld und den Einstürzenden Neubauten) sowie die Titel ihrer ersten EP, »Dirty Sings« von 1988. Der am frühesten aufgenommene Song auf »Dirty Pearl« stammt aus dem Jahr 1982. »The world’s a girl / And I’m taking her apart«, sang sie in »The World’s a Girl«, und das meinte sie durchaus ernst. Lane war das Mädchen, das die Jungs in der Kunst des Bösen unterrichtet. Und sie zeigte den schüchternen Mädchen, wie man furchterregend auftritt. Sie selbst beherrschte dieses Auftreten perfekt – was sich vor allem in ihrem spöttischen Lächeln zeigte.

1995 erschien »Intoxicated Man«, eine Hommage an Serge Gainsbourg. Das Album stammt von Mick Harvey, einem langjährigen Begleiter von Nick Cave in seinen Bands, und enthält Coverversionen von Songs des französischen Chansonniers. Mit von der Partie: Anita Lane. Sie sang jeweils den Part der weiblichen Duettpartnerin aus Gainsbourgs Liedern, trat also in die Fußstapfen von Frauen wie Brigitte Bardot und Jane Birkin. Harvey produzierte dann Lanes zweites Soloalbum »Sex O’Clock«, auf dem wiederum der Einfluss von Gainsbourg und dem Chanson deutlich zu hören ist.

Als Solokünstlerin schrieb Lane für »Sex O’Clock« dunklen und dennoch süßen Kammerpop und bewies ein Händchen dafür, sich durch die Arrangements ihres Kollegen Mick Harvey zu schneiden. Der Einfluss der Bad Seeds ist nicht zu leugnen. Bedrohlich düstere Songs wechseln sich ab mit weichen Tönen, die entweder an Chansons erinnern oder gleich aus einem Softporno stammen könnten. Hier und da tauchen Bluesmelodien auf und als ­roter Faden ziehen sich Streicher durch das Album.

Die teils unheimlichen und morbiden Texte sind immer explizit: explizit sexuell, explizit traurig, explizit wütend und explizit auf Messers Schneide. Lane trägt hier eine innere Zerrissenheit vor sich her, eine Verletzlichkeit, all die Facetten menschlicher Emotionen, die gern verneint und gemieden werden. Es scheint, als genieße Lane diese Emotionen ganz bewusst und wolle sie den Hörern wie etwas Erbeutetes zu Füßen legen.

Ihre leichte, luftige Kopfstimme erinnert teils an die junge Lydia Lunch, an manchen Stellen auch an Marianne Faithfull. Das Lolita-Motiv kommt einem schnell in den Kopf, und es ist nicht abwegig – Lane hat eindeutig Spaß an der Zurschaustellung von weiblicher Sexualität. Der Titel des Albums lässt auch kaum anderes ­erwarten. Und so haucht sich Lane von einem Song zum nächsten, denkt darüber nach, es mit dem nächsten Mann zu tun, den sie sieht (»The Next Man That I See«), oder fordert diesen gleich metaphernreich auf, es zu tun (»Do That Thing«). Doch es wäre zu einfach, dieses Album auf das Erotische zu reduzieren. Zu trotzig spuckt Lane die Worte aus, als dass es hier nur um Sex und Verführung gehen könnte. Zu humorvoll und vielschichtig ist das, was sie singt. Ihre Version von Gil Scott-Herons Song »Home Is Where the Hatred Is« zeigt, wie spielfreudig sie war und wie sie durch ihre Stimme etwas Unerwartetes aus einen Song herausholen konnte.

Das Lied »The Petrol Wife« fällt aus dem Rahmen. Musikalisch braut sich hier ein Gewitter zusammen und entlädt sich dann auch wie nirgendwo sonst auf dem Album. Die stilistischen Einflüsse der anderen Songs sind abwesend. Von der Instrumen­tierung (Akustikgitarre) her tut sich hier ein anderes Universum auf, was verständlich wird, wenn man weiß, dass Tom Tykwer an dem Stück mitgewirkt hat, der neben seiner Tätigkeit als Filmemacher auch Filmmusik komponiert. Anita Lane arbeitete 2000 mit Tykwer an dem Soundtrack für seinen Film »Der Krieger und die Kaiserin« zusammen, der darin enthaltene Song »Four Days« spielt mit einer ganz ähnlichen Ästhetik wie »The Petrol Wife«. Seine ruhige und langsame Art ist eine perfekte Vorbereitung für den Schlusssong des Albums, wieder ein Cover (und zwar eines ihrer schönsten), nämlich des italienischen Partisanenlieds »Bella Ciao«.

Danach wurde es ruhig um Anita Lane. 2009 zog sie zurück nach Australien, lebte mit ihrem Mann und ihren Kindern in Byron Bay. Am 27. April fand ihr ältester Sohn sie tot in ihrer Wohnung auf; über die Todesursache ist öffentlich nichts bekannt. Nick Cave resümierte: »Es war leicht und erschreckend zugleich, sie zu lieben. Sie war die klügste und talentierteste von uns allen, bei weitem. Sie war der Meinung, dass die besten Ideen die sind, die nie das Licht der Welt erblicken.«

Anita Lane: Sex O’Clock (Mute)