Atomkraft wird endlich nachhaltig

Atomkraft jetzt mit Öko-Siegel

Wie die EU-Kommission die Grünen von der Atomkraft überzeugen will.
Die preisgekrönte Reportage Von

Kritisch begutachtet der Sachverständige das neue BMW-Design. Immer wieder lässt er hier, im Brüsseler Feinstaublabor der Europäischen Union, die Motoren des Boliden aufheulen, scannt die Abgase auf Schadstoffe. Die Messungen stimmen ihn skeptisch: Das neue Modell stößt auf 100 Meter so viel Schmutz aus wie Stadt Soest in einem Jahr. Dann entdeckt er den kleinen Hinweis auf den integrierten Schalensitzen: »CO2-neutral gefertigt in einem kleinen Pyrenäendorf«. Seine Augen leuchten auf – und das begehrte EU-Nachhaltigkeitssiegel landet auf dem neuen BMW 3er »Heat Death«.

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Die grüne Energiewende ist in vollem Gange. Eben erst verkündete die EU, unter bestimmten Bedingungen Gas- und Atomenergie in der sogenannten EU-Taxonomie als nachhaltig einzuordnen. Demnächst soll eine Neueinstufung der Kohle folgen. »Viele Leute denken bei Kohle heute leider immer noch an dreckige Schornsteine, an Smog und Lungenerkrankungen«, sagt Kommissionssprecher Jean-Claude Zutalors. »Dabei ist Kohle heute viel sauberer. Wenn Sie die Partikel nicht einatmen, nicht mit ihnen interagieren und in einem wunderschönen Jugendstilhäuschen im Elsass wohnen, ist die Gefahr, die von Kohle ausgeht, absolut berechenbar.«

Die Proteste der deutschen Bundesregierung versteht man in Brüssel nicht. »Die neue EU-Taxonomie wurde von Deutschen geschrieben, für Deutsche und im Hinblick auf deutsches Unternehmertum. Die ganze blöde EU existiert doch zu 60 Prozent nur, damit deutsche Geschäftsmänner in scheußlichen Business-Hemden sich irgendwelche Nachhaltigkeitssiegel ankleben können! Dass hier jetzt zurückgerudert wird, finde ich auch menschlich enttäuschend.«

Der Vorschlag, Atomenergie als nachhaltig einzustufen, war am Silvesterabend an die EU-Mitgliedstaaten geschickt worden, die nun noch eine gute Woche Zeit haben, ihren Senf dazu zu geben. Mitte Januar will die Kommission dann ihre finale Version vorstellen. Für die junge Ampelkoalition könnte das Thema zur Zerreißprobe werden; führende Politiker der Grünen hatten sich gegen die neue EU-Taxonomie ausgesprochen. Zutalors winkt ab: »Sicherlich lassen sich die Grünen irgendwie befrieden. Man muss ihnen nur erklären, wie viel zusätzliches CO2 entsteht, wenn die Taxonomie neu geschrieben und ausgedruckt werden muss!«

 

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.