Kunstdrucke erobern die Freizeitmode

Ein Tizian für den Hoodie

Das Kunstwerk im Zeitalter des Print-on-Demand.
Perfekten Genuss erleben Von

Sie gehören in die Stube des Bildungsbürgertums wie der Arsch auf den sprichwörtlichen Eimer: Kunstdrucke. Hochwertige Kunstdrucke! In einem Museum gekauft, am besten passend zur Ausstellung, gerne noch mit ­einem gewissen persönlichen Bezug, eine Erinnerung an einen Erasmus-Studienort, an diese Podiumsdiskussion, wo wir hinterher doch noch so schön beim Peruaner waren. Wohl ausgewählt und geschmackvoll gerahmt, bilden sie winzige Farbtümpel an der ansonsten seit Jahrzehnten in asketischem Weiß gehaltenen Bildungsbürgerwohnungswand, so persönlich wie unverbindlich, austauschbar in ihrer Individualität.

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In der Welt des total gewordenen Merch ist bei Kunstdrucken jedoch schon lange nicht Schluss. Der gesamte Kanon der Papierkunst, sofern er nur irgend gemeinfrei ist, wurde inzwischen digitalisiert. Die darauf spezialisierten Portale lassen in­zwischen nichts mehr unbedruckt: T-Shirts, Tassen, Buttons, Leibwäsche, Feuerzeuge, Teller, Kondome, Hochzeitstorten – alles, was nur halbwegs Pigmente halten kann, wird zum Opfer der Kunst. Keineswegs nur anlässlich großer Ausstellungen: Die Portale arbeiten on demand, jeder Rembrandt, jeder Tizian lässt sich ­jederzeit auf Visitenkarten, Schuhwichsbecherchen oder Zahncreme­tuben drucken, man muss es nur bestellen! Den Idiosynkrasien der Digitalisierungsalgorithmen folgend, findet sich auf diesen Portalen auch Abseitiges, zum Beispiel winzige ­Details aus mittelalterlichen Handschriften, die sich jetzt aber mühelos aufs Strandtuch drucken lassen.

Walter Benjamin wähnte noch eine Aura, die dem Kunstwerk eigen war, glaubte an seine Entweihung durch Kunstkataloge. Die Aura dürfte zwischen all den Merch-Produkten komplett zerbröselt sein – gleichzeitig ist die Verbreitung der Werke so hoch wie nie. Sehe ich die Reproduktionen im Straßenbild, dann sind es keineswegs die typischen Bildungsbürger, die da die Goyas als Hoodie tragen, sondern eher robustere Gesellschaftsschichten. Findet da eine Rücker­oberung des Kanons statt, fällt endlich der Klassenvorbehalt der Hochkunst? Um diese These auszutesten, werde ich mich in den nächsten ­Wochen mit nichts als einem Breughel bekleidet durch die Straßen ­bewegen. Der Testbericht dann in der nächsten Ausgabe!


An dieser Stelle schreibt Leo ­Fischer über seine persönlichen Erfahrungen in der Welt des ­Konsums. Seine Erlebnisse und Meinungsäußerungen erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.