Homestory

Homestory #40

Auch fake news waren mal lustiger. Heute, wo die Verbreitung von meist mit den hässlichsten Intentionen verfassten Falschmeldungen zu einer Art Volkssport geworden ist, hat das ehemals als Zeitungsente bezeichnete Genre ein wenig an Unschuld verloren. Dabei können Falschmeldungen durchaus witzig sein, besonders, wenn sie nicht aus Ressentiments oder aufgrund einer verschwörungsbesessenen Weltsicht verbreitet werden, sondern aus dem viel harmloseren Motiv der reinen Sensationslust, das selbst die abgebrühtesten Zeitungsleser immer wieder dazu verleiten kann, Geschichten zu glauben, die einfach zu gut sind, um wahr zu sein – und zuvor die Medien, diese aufzugreifen und abzudrucken. Es hilft natürlich auch, wenn die Storys die eigenen Vorurteile bedienen. So verbreiteten vor einigen Jahren zahlreiche Menschen, die sich für kritischere Geister als die meisten Christen halten, schadenfroh einen Bericht über einen Pastor aus Zimbabwe, der angeblich hatte zeigen wollen, wie Jesus auf Wasser lief, und dabei leider von drei Krokodilen gefressen wurde, beziehungsweise gefressen worden sei.

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Andere Zeitungsenten hätten heute kaum noch eine Chance, die mit Informationen überfluteten Leser zu täuschen, etwa der 1957 vom BBC als Aprilscherz gesendete Bericht über die wegen des milden Wetters früh beginnende Spaghetti-Ernte in Norditalien. Und über gewisse Themen macht man am besten keine Witze mehr. Würde in der heutigen angespannten Weltlage jemand auf die Idee kommen, wie Orson Welles in den dreißiger Jahren das Radioprogramm für einen täuschend echt wirkenden Bericht über eine Alien-Invasion zu unterbrechen, würden vermutlich die Atomwaffen in Alarmbereitschaft versetzt werden.

Doch auch die Verbreiter von fake news gehen mit der Zeit und bedienen sich fortschrittlichster technologischer Mittel, um ihr Publikum zu erreichen, etwa des targeted advertisement. So wie man nach dem Online-Kauf von Schuhen oft noch lange danach entsprechende Werbeeinblendungen beim Surfen im Internet zu sehen bekommt, bekam ein Redakteur dieser Zeitung nach der Recherche über die Folgen der Seeblockade gegen die Ukraine noch wochenlang auf Facebook Werbeanzeigen für offensichtlich gefälschte Versionen deutscher Nachrichtenseiten zu sehen, auf denen prorussische Propaganda zu eben diesem Thema zu lesen war. Nun gab der Facebook-Inhaber Meta bekannt, es habe das Netzwerk, das solche gefälschte Nachrichtenseiten auf Facebook verbreitete, als russisch identifiziert und vom Netz genommen. Derzeit sieht der betroffene Redakteur übrigens oft ebenfalls als Werbeanzeigen verbreitete Karikaturen, die Stimmung gegen die Wirtschaftssanktionen gegen Russland machen. Deren Bildsprache – Deutschland als Opfer, angelsächsische Mächte als Marionettenspieler im Hintergrund – sind jedoch wohl deutschen Ursprungs, Strippenzieher aus dem russischen Propagandaapparat sind zur Verbreitung solcher Botschaften nicht nötig.

Wer das Bedürfnis hat, auf die Redaktion der Jungle World Einfluss zu nehmen, sollte sich das Geld für solche Facebook-Werbung besser sparen und zu direkteren Kommunikationswegen greifen. Zum Beispiel einfach eine E-Mail schreiben. Berliner Leser können auch am Freitag, 7. Oktober, um 19 Uhr zur ersten Veranstaltung der monatlich stattfindenden »Jungle Bar« im Bajszel in Neukölln kommen und uns nach der Veranstaltung einfach an der Bar anquatschen.