Platte Buch - Wooden ­Shjips V.

Nicht von dieser Welt

Kolumne Von

Ein heißer Sommer macht es dem Rock-Hörer nicht leicht: Irgendwie ist alles Gute zu schwer. Was an kalten Winterabenden ein Hörabenteuer für die Couch sein könnte, wirkt an verschwitzen Tagen so, als wenn einem bei 30 Grad Rotkohl mit Knödeln in Bratensoße serviert würde. Für dieses Problem, nein, nicht das kulinarische, sondern das musikalische, gibt es in diesem Sommer die perfekte Lösung: das fünfte Album der Wooden Shjips aus – natürlich – San Francisco. Die Band um Gitarrist Ripley Johnson, zu deren Liebhabern und Förderern unter anderem der Regisseur Jim Jarmush zählt, haben mit »Wooden ­Shjips V.« den definitiven Soundtrack zum Sternezählen in einer Nacht auf dem Flachdach geschaffen.

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Allein der makellosen Produktion ist das Entstehungsjahr 2018 anzuhören, den musikalischen Ingredienzien dieses freundlich-verführerischen Instrumental-Malstroms jedoch ganz und gar nicht, denn sie stammen aus längst ver­gangenen Zeiten. Als Inspirationsquellen ­wären da vor allem die in den frühen Siebzigern »kosmisch« genannten Experimente aus dem Hause Rolf-Ulrich Kaisers oder die Musik von Neu! zu nennen; jedenfalls hat man einen so entspannt gleißenden Gitarrensound seit den Tagen des jungen Michael Rother selten gehört. Was aber die Platte von Wooden Shjips vom Krautrock der Siebziger unterscheidet, ist die gehörige Prise West Coast, die Johnson und die Seinen in ihre flüssigen Arrangements haben einfließen lassen; entsprechend entspannt, aber alles andere als spannungsarm klingen die Wooden ­Shjips auf »V.«, das komplett auf die nervenzehrend ausufernden Noise-Einlagen der Vorgängeralben verzichtet. Das Resultat bezeichnete der Blog »The Stranger« als »cosmic American music« und hat recht damit: Diese Musik stammt nicht von und aus dieser Welt der plärrenden Handy-Lautsprecher und vorkonfigurierten Playlists für Aufmerksamkeitsdefizitäre. Das klingt nach Eskapismus? Aber ja, was denn sonst!

Wooden Shjips: V. (Thrill Jockey)