Das zensierte Tagebuch

Vor 70 Jahren wurde Anne Frank geboren: Der Historiker David Barnouw beklagt die Kommerzialisierung des Gedenkens an ein Holocaust-Opfer

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Bis zu einer Million Menschen - 1998 waren es 822 712 - besuchen jährlich das Anne Frank-Haus in Amsterdam. Das schmale Hintergebäude in der Prinsengracht 263 mußte mehrfach erweitert und renoviert werden, um diesem Ansturm standzuhalten. Ob Wallfahrtsort oder Bildungsstätte - der Ort des Gedenkens an das jüdische Mädchen aus Frankfurt am Main gehört zu den Touristenattraktionen der Niederlande und ins Repertoire jeder Klassenreise nach Amsterdam.

Über 25 Millionen Exemplare des Tagebuchs der Anne Frank - in unterschiedlichen Versionen und vielen Übersetzungen - sind seit der Erstauflage 1947 verkauft worden. Diverse Filme, Broadway-Stücke und Ausstellungen erreichten ebenfalls ein Millionenpublikum. "Anne-Frank-Industrie" nennt David Barnouw dieses Phänomen einer erfolgreichen Vermarktung. "Gerade, weil Anne Franks 'Botschaft' so offen für jedermann ist, kann jeder selbst interpretieren, was er darunter versteht, je nach Ort und Zeit", kommentiert Barnouw die Popularität der Aufzeichnungen des damals 13jährigen Mädchens.

Zwar war es sowohl Otto Frank, Annes 1980 verstorbenem Vater, als auch der 1957 gegründeten Stiftung in Amsterdam sehr früh gelungen, das Gedenken an ein Holocaust-Opfer zu institutionalisieren. Das "Tagebuch der Anne Frank" ist jedoch mit seiner Eindringlichkeit keine Spielberg-Operette. Nicht zufällig, sondern wegen seines Inhalts, war es zunächst als Schullektüre bei treudeutschen Lehrern verpönt. Auch im Kulturbetrieb der Niederlande und der USA stieß es anfangs auf Ablehnung.

1946 hatte Otto Frank es fast aufgegeben, für das Manuskript der Tagebücher seiner im KZ Bergen-Belsen umgekommenen Tochter einen Verleger zu finden. Frank, selbst Auschwitz-Überlebender, war zwar Geschäftsmann, hatte aber von Büchern keine Ahnung. Und auch das Haus in der Amsterdamer Prinsengracht, in dem sich während der deutschen Besatzung neben Anne Frank sieben Menschen versteckt hielten, wäre Anfang der fünfziger Jahre beinahe abgerissen worden. Das Gebäude, das aus dem Jahr 1739 stammt, war baufällig. Protestaktionen und eine Spendensammlung von Prominenten verhinderten schließlich den Abriß.

Auch die in New York uraufgeführte Theateradaption des "Tagebuchs" wurde zunächst abgelehnt oder verrissen. Und Anne Franks "Tagebuch" selbst geriet immer wieder in die Schlagzeilen, nachdem dessen "Echtheit" angezweifelt wurde. Dies geschah meist von rechtsradikaler Seite, aber der Verdacht, daß es sich um eine "Fälschung" handele, hielt sich bis Ende der achtziger Jahre und beschäftigte neben dem deutschen Bundeskriminalamt auch diverse Gutachter in vielen Ländern.

Der niederländische Historiker David Barnouw, der sich über viele Jahre mit der Biographie und dem Tagebuch der Anne Frank beschäftigt und eine wissenschaftliche Ausgabe des "Tagebuchs" mitherausgegeben hat, die beinahe den vollständigen Text der Original-Tagebücher bietet, hat einige Ergebnisse seiner Recherchen in dem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Anne Frank. Vom Mädchen zum Mythos" publiziert. Barnouw konzentriert sich dabei auf die Verbreitung des "Warenzeichens Anne Frank" und auf das, was er die "Mythisierung" des Mädchens nennt. Inwieweit, fragt der Autor, wurde ihr Werk in den verschiedenen Adaptionen verfremdet? Welche Rolle spielte dabei auch Annes Vater? Und was geschieht mit den Millionen, die der Anne Frank-Fonds in Basel mit dem Buchverkauf verdient?

Bei der Beantwortung dieser Fragen verfährt der Autor aber meist sehr oberflächlich und will sich nicht auf eine Aussage festlegen. So erfährt man zu den angerissenen Themen, z.B. zu den zahlreichen Gerichtsentscheidungen, kaum die notwendigen Details. Zu vermuten ist, daß es sich bei dieser Vorgehensweise um eine gewisse Vorsicht des Autors handelt, denn die Inhaber der Rechte sind bisher nicht zimperlich gewesen mit Klagen. 1998 erst endete der letzte große Prozeß um das "Label" Anne Frank zwischen dem Anne Frank-Fonds in Basel und der Anne Frank-Stiftung in Amsterdam (zugunsten der Stiftung).

Der Schweizer Fonds kassiert die Lizenzgebühren aus den Büchern, die niederländische Stiftung nutzt den Namen für ihre Gedenkstätte und ihre bildungspolitische Arbeit. Beide Institutionen nehmen Millionen ein, da hat man dann auch muntere Anwälte. Ist das verwerflich?

Barnouw beschränkt sich im wesentlichen darauf, die Kommerzialisierung zu beklagen und liefert ein paar Fakten, um den Gigantismus, zu dem sich das Anne Frank-Projekt seiner Einschätzung nach ausgewachsen hat, zu belegen. Insgesamt erscheint das, was der Autor in diesem Buch zusammengetragen hat, aber ziemlich dürftig, gemessen an seinem Anspruch, die Schaffung eines rentablen Mythos nachzeichnen zu wollen. Schließlich ist die Tatsache, daß die Verbreitung des "Tagebuchs" auf die üblichen Vertriebswege des Kapitalismus angewiesen bleibt, weder erstaunlich noch besonders skandalös.

Eine ideologiekritische Bewertung der Rezeption spart sich die Darstellung, die lediglich die gröbsten editorischen Eingriffe dokumentiert und erläutert. Die Passagen z.B., in denen Anne Frank beschreibt, daß sie sich in ihrem Amsterdamer Versteck verliebt hatte, mußten in der in den fünfziger Jahren herausgegebenen Version entschärft werden; auch ihre Mitteilung, daß sie nun menstruiere, fiel den Zensoren von damals zum Opfer.

Brisanter als solche Kompromisse mit dem Zeitgeist sind jene politischen Eingriffe, die das Buch geschichtsklitternden Sichtweisen öffnen. In den ersten deutschsprachigen Auflagen wurden die - harmlosen - "deutschfeindlichen" Stellen im Tagebuch gestrichen. Und daß Anne Frank Jüdin war, konnte man dem Tagebuch selbst lange Zeit kaum entnehmen, was nicht nur mit der agnostischen Haltung der Familie Frank und der Tagebuch-Schreiberin zu tun hatte, sondern mit Verlegern, die dem Antisemitismus ihres Publikums Rechnung trugen, indem sie die entsprechenden Stellen herausstrichen.

Einige Beispiel für solche Veränderungen am Text findet man in Barnouws Buch. Die originalgetreu wiederhergestellten Sätze sind nicht solche, die Holocaust-Leugnern Anlaß geben könnten, das Tagebuch anzuzweifeln. Aber wohl diejenigen, die den großen Erfolg beim Publikum verhindert hätten, je nach Zeit und Ort.

David Barnouw: Anne Frank. Vom Mädchen zum Mythos. Econ & List Taschenbuch Verlag, München 1999, 128 S., DM 12,90