Der König der Herzbuben

Oskar Lafontaine führt eine neue Männerbewegung an. Der friedfertige Macker geht in die Offensive.

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Ein Hammer! Kaum haben wir unsere schicken, flexiblen Laptops abbezahlt - von den Schulden in der Boutique und bei der Kinderfrau ganz zu schweigen -, müssen wir schon wieder umdenken! Nur schemenhaft haben wir kapiert, dass Frauenbewegung und Sozialismus und der ganze Tüdelüt endgültig passé sind, da kommt eine neue soziale Bewegung daher.

Die neue Männerbewegung erwischt uns unvorbereitet. Dabei hatte sich das doch abgezeichnet. Doch kaum jemand, mit Ausnahme einiger mutiger Verleger und Literaturpreisrichter, hatte die Zeichen deuten können. Die neue Bewegung wird dennoch unser aller Leben verändern.

Nur in groben Zügen kann hier versucht werden, deren Grundaussagen zu skizzieren: Es handelt sich um eine beinahe eruptiv oder auch ejakulativ hervorgebrochene Sehnsucht nach einer männlichen Innerlichkeit, einer Werteverschiebung also, die seit den Anfängen des Patriarchats immer wieder erwünscht, erhofft und manchmal sogar lautstark gefordert worden war.

Inhaltlich geht es den neuen Männer um Oskar Lafontaine vor allem um eine sofortige Abkehr von den starren Rollenbildern, in denen sie sich gefangen fühlen und die ihnen den Blick auf das wirklich Wichtige im Leben so oft verstellten. Nicht Karriere, Beruf, Macht und öffentliches Ansehen gelten für sie mehr als "männlich", sondern Herzlichkeit, Besinnlichkeit, Offenheit und Verletzlichkeit, ja, und auch Väterlichkeit. Soziale Beziehungen werden nicht mehr den so oft behaupteten "Sachzwängen" gewisser Lebensumstände oder Berufe geopfert, sondern öffentlich verteidigt und debattiert.

Drei Beispiele mögen dies belegen.

1. Peter Glotz schrieb am 8. Oktober in der Woche, die neben der Welt eines der wichtigsten Sprachrohre der neuen Männer ist: "Der spontaneistische General hat die Brücken hinter sich abgebrannt. Jetzt steht er da, seinen Sohn Carl-Maurice an der Hand, und schaut mit einer Mischung von Wut, Erstaunen und aufsteigender Kälte auf die rauchenden Trümmer. (...) Derweil kümmert sich Oskar Lafontaine um Frau und Sohn. Man glaubt es ihm, dass Carl-Maurice, der Zweieinhalbjährige, auch ein Motiv für seinen jähen Ausstieg war. Solche Buben können unwiderstehlich sein." Und an anderer Stelle: "Oskar (...) kann Menschen berühren, ist aber auch selbst schnell berührt. Der Spiegel will ihn - mit genauer Datumsangabe: 14. Oktober 1998 in Bonn - sogar mit Tränen gesehen haben. (...) Es ist wie so oft: der harte Bursche hat einen weichen Kern."

2. Auch Literaturnobel-Preisträger und SPD-Abweichler Günter Grass machte sich für die Durchsetzung neuer männlicher Werte stark. Hinter den harschen Worten des großen männerbewegten Literaten, ebenfalls nachzulesen in der Woche vom 8. Oktober, verbergen sich, genau besehen, freundschaftliche Ratschläge, die in ihrer Kompromisslosigkeit geradezu wie ein Kampfruf wirken, den man jedem Politiker gleich welcher Partei entgegenschleudern möchte: "Halt's Maul! Trink deinen Rotwein, fahr in die Ferien, such dir eine sinnvolle Beschäftigung!" Grass, 71, wagte an gleicher Stelle auch, das Vorurteil vom als erwachsen geltenden Mann anzugreifen, in dem er Lafontaine als "unreifen Fünfziger" bezeichnete. Auch in der Zeit vom 7. Oktober wird dieses Tabu in Frage gestellt und vom verletzlichen Kind im Manne (Lafontaine) gesprochen: "Sein Buch ist ein Angriff, eine Klage und ein Hilferuf."

3. Chef-Ideologe der neuen Bewegung aber ist zweifellos Oskar Lafontaine selbst. Sein Manifest "Das Herz schlägt links", vorabgedruckt in der Welt, enthält bahnbrechende Veränderungen des Männlichkeitsideals: das des friedfertigen Mannes. "Als der Angriff begann", so Oskar Lafontaine, "war ich erleichtert, dass ich der Regierung nicht mehr angehörte. Dieser Krieg hat Deutschland verändert, und ich hoffe, dass wir jetzt die richtigen Lehren ziehen." Dass einige der Ewig-Gestrigen dem Wohnzimmer-Pazifismus des neuen Mannes noch skeptisch skeptisch, wenn nicht sogar feindlich, gegenüberstehen, verwundert nicht. Ebenso wenig, dass diese dem Patriarchat verhafteten Vertreter aus Politik und Medien in der Regel männlich sind. Konservative Traditionalisten schreiten zur Gegenwehr - vor hundert Jahren hat man bekanntlich die ersten Blaustrümpfe ins Gefängnis geworfen.

So wurde Lafontaine in der Frankfurter Rundschau vom 8. Oktober als "Serientäter" bezeichnet, der ein "Saarbrücker Kettensägen-Massaker" auslöste. Folgerichtig ahnte die B.Z. schon einen Tag vorher: "Seine Mutter an allem schuld?" Etwas zurückhaltender fragte die tageszeitung bereits am 4. Oktober: "Wer hat Angst vorm roten Mann?", nannte Lafontaines Manifest aber in der gleichen Ausgabe eine "Herzlose Abrechnung" in einem "Tal der Tränen". taz-Kommentator Klaus Hillenbrand, für den Lafontaine ein "Nachtreter", "Marionettenspieler" und "Zwerg Nase" ist, brachte noch eine andere typisch männliche Angst auf den Punkt: "Ganz selbstverständlich bricht der Autor (...) mit einer Regelung, die (...) für jeden mittleren Handwerksbetrieb Gültigkeit besitzt (...): Die Pflicht zur Wahrung der Vertraulichkeit auch nach dem eigenen Ausscheiden aus der Firma." Der Journalist Hillenbrand bringt hier mit einem Stoßseufzer zum Ausdruck, was innerhalb sozialdemokratischer Männerbünde gedacht wird.

Wolfgang Clement, NRW-Ministerpräsident, hält Lafontaines Herzensmanifest für einen "Anschlag auf das Ansehen der SPD", Henning Scherf, Bremer Bürgermeister, meinte lapidar: "So etwas tut man nicht." Erhard Eppler, langjähriger Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission, verstieg sich zu einem knappen hasserfüllten: "Egomane! Egozentriker!"

Die neue Männerbewegung wird sich dennoch nicht aufhalten lassen. Sie hat begriffen, dass das Private politisch ist und diese Erkenntnis umgesetzt. Der Frankfurter Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter: "Zu groß war (Lafontaines) innerer Aufruhr."

Richter, erfahrener und nachdenklicher Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, zeigte in seinem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 7. Oktober unverhohlene Sympathie für die neuen Männer: "Aber jetzt das Buch von Oskar, das sich der Feuerkopf offenbar in impulsiver Katharsis von der Seele geschrieben hat."

Ein Makel bleibt dennoch - zumindest für Feministinnen: Wie so oft schon erlebt, werden Aussagen und Einsichten von Frauen erst dann ernst genommen, wenn Männer sie aussprechen. Die Forderungen nach dem "neuen Mann" sind alt, steinalt, und sie unterliegen eigentlich einem gewissen weiblichen Copyright. Aber was soll's: Große Zeiten erfordern ein großes Herz. Mit anderen Worten: "Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt. Aber es hat einen Standort. Es schlägt links." (Oskar Lafontaine)