Ein Jahr nach dem 11. September

Dialektik der Dummheit

Seit dem 11. September macht die Linke große Fortschritte auf ihrem Weg in den Abgrund.

Was der 9. November seit der Novemberrevolution, der Pogromnacht und der deutschen Wiedervereinheitlichung schon war, das ist, durch den islamfaschistischen Anschlag auf das World Trade Center, auch der 11. September geworden: ein Geschichtszeichen. Während 1973 der Putsch gegen die chilenische Unidad Popular der radikalen Linken das denkwürdige Bild eines Reformisten mit Kalaschnikow bescherte, und damit Träume wahr werden ließ, die heute nur noch Trotzkisten und andere Stalinisten umtreiben, stehen Ussama bin Laden und seine Kameraden für die Liquidation jeder Hoffnung. Während der Untergang Salvador Allendes, des letzten Sozialdemokraten, der die Dialektik von Reform und Revolution ernst zu nehmen schien, in allem Elend doch einen Lernprozess ermöglichte, ist bin Laden schon der Vorbote einer neuen Barbarei, bevor noch die alte, die der Nazis, in ihrer letzten Konsequenz begriffen wurde.

Zwischen 1973 und 2001 liegt die sinnlos vertane Zeit, in der die Linke, wie in den Weimarer Jahren zwischen Revolution und Pogrom, noch etwas hätte werden können. Um zu verstehen, was die Linke ist, ist es hilfreich, sie als den extremen Pol gesellschaftlich möglicher Dummheit zu begreifen. Nicht die Dummheit des Intellekts wird damit bezeichnet, sondern die der prompten Bereitschaft zur Rationalisierung, zum sich selbst »Verständlichmachen« noch der Antivernunft. Es sind die »ungedachten Gedanken« (Freud), die den Maßstab für diesen Tatbestand vorgeben. Diese Dummheit ist die präzise Funktion des Bescheidwissens, ein anderes Wort für Faschismusvergessenheit und für den Widerwillen, den Antisemitismus (wie den Antizionismus) mit Karl Marx und Theodor W. Adorno als die praktische wie ideologische Antizipation der negativen Aufhebung des Kapitals in der Barbarei zu denken.

Die Linke weiß Bescheid, immer schon. »Hätte bin Laden nicht die Twin Towers flachgelegt, man hätte es initiieren müssen, um zu vermeiden, dass sich die weltweit anwachsende Kritik am kapitalistischen System zu einem Massensyndrom auswächst«, so das »Indymedia-Info« Ende November. Antisemitismus ist damit Beiwerk und Lappalie, die Bagatelle zum Massaker.

Es ist dumm gelaufen mit der Linken, wenn Antonio Negri, der Zampano der Subtropen, auf Hunderten von Seiten die neue Weltordnung zu erklären vermag, ohne über den Faschismus mehr zu sagen als den halben Satz, wonach dieser die »Menschen in monströser Weise auf das Minimum des nackten Lebens reduziert« habe. Es ist bestimmt noch einiges mehr dumm gelaufen, wenn in der Diskussion nicht kritisiert wird, dass hier der Begriff der Epoche ganz ohne die Barbarei haushalten kann, und wenn Elfriede Müller (Jungle World, 19/02) diesen linken Totalschaden als besonderen Vorzug der »antinationalen Plattform« auslobt, die sich »gegen jede Form ideologischer Abkürzung« richte.

Die Linke verwirft, postmodern getrimmt, die Aufklärung und den ihr impliziten materialistischen Begriff von Wahrheit, und erhebt zugleich die Axiomatik des Relativismus und der (De-) Konstruktion zum totalen Kriterium. Was in letzter Konsequenz zu dem Satz führt, Antisemitismus sei Geschmacks- und Meinungssache. Der 11. September hat zum Vorschein gebracht, wie weit der Fortschritt der Gegenaufklärung bereits gediehen ist.

Das provoziert das Gefühl, die Faschisten besäßen, im Gegensatz zu den Linken, was diese für sich reklamieren: ein historisches Gedächtnis und damit ein wahrlich epochales Programm, das die Niederlagen, insbesondere des 8. Mai, nur als den Kreuzweg zum Endsieg betrachtet.

Dieses Programm der fundamentalen Gegenaufklärung, das das Kapital ohne Kapitalisten und den politischen Souverän ohne Citoyens will, diese Politik der Zwangshomogenisierung der Subjekte zu Volksgenossen und diese abgrundtief antisemitische Strategie, die, als deutsch-palästinensische, seit Hitler und dem Mufti von Jerusalem, darauf zielt, die Akkumulation des Kapitals ohne die Krise des Kapitals zu haben, dieses Projekt der negativen Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft vermittels ihrer Zerstörung ist es, das die Linke noch nie hat wahr haben wollen. Dass, auf grauenhafte Weise, der Antisemitismus zum Invers der sozialen Revolution wurde, das hat die deutsche Linke verschlafen, ignoriert, rationalisiert und verdrängt.

Erst fehlten ihr, im Zeichen der okkulten Dialektik von Reform und Revolution, die intellektuellen Mittel. Als nach 1968 verstanden werden konnte, worum es geht, vermochte sie nicht, die Dialektik der Wertform als den Auftrag zur Kritik zu begreifen, anstatt als eine Einladung in eine neue Ontologie, wovon die Schriften der Krisis-Gruppe zeugen. Denn was der Wert ist, versteht sich als die Antivernunft, als irrationale, »verrückte Form«, nicht als Aphrodisiakum von Theorie.

Dem militanten Projekt der Gegenaufklärung, das 1789 beginnt, in der Wannsee-Konferenz kulminiert und jetzt, nicht nur im Islamfaschismus, auf eine neue Konjunktur lauert, steht nur eine ebenso gelangweilte wie abgebrühte Aufklärungsverachtung von links gegenüber: Adorno hat umsonst gelebt. Die Dialektik der Gegenaufklärung liegt darin, dass sie nach links übergeschnappt ist.

Denn die Linke ist, einmal strikt soziologisch betrachtet, eine Versammlung von Soziologen, Kathedersozialisten und Sozialpädagogen, deren intellektuelles Grundgesetz darin besteht, nicht das Resultat und seine objektive Geltung zu kritisieren, sondern es zu zerbröseln in seine Bedingungen, Umstände und in den Prozess, der dazu führte. Die Gegenaufklärung hat gesiegt, indem sie ihrer Opposition den Begriff von Wahrheit austrieb. Wie das geht, zeigt die ML-Fraktion mit Glanzleistungen der Rationalisierung in »Mudschaheddin des Werts« (Jungle World, 42/01) oder in Ernst Lohoffs Text »Schwarzer September« (Jungle World, 33/02).

Plötzlich blättert man in Adorno, um Beute zu machen. Theoriepolitiker, deren Interesse stets der Theorie, nie der Kritik galt, hasten durch die »Dialektik der Aufklärung« und suchen nach Stellen wie diesen: »Die Dialektik der Aufklärung schlägt objektiv in den Wahnsinn um.« Nahe gelegt werden soll damit, dass die antideutschen »Zombies« zur »Huntingon-Linken« (Lohoff) wurden. Das Beste wird dabei, wie Abfall, vom Tisch gewischt. Die »antiautoritäre Tendenz« der Aufklärung nämlich, »die, freilich bloß unterirdisch, mit der Utopie im Vernunftbegriff kommuniziert«, und die es möglich macht, dass sich, in Marx, »die Aufklärung gegen das Bürgertum wandte, sobald es als System der Herrschaft zur Unterdrückung gezwungen war«.

Die Aversion gegen die Aufklärung, gegen die Wahrheit und deren notwendig insistierende Penetranz, die Rede vom Antisemitismus als einer nicht sehr coolen »Diskursfigur«, wie Diedrich Diederichsen schreibt (Jungle World, 36/02), ist in ihrer Spitze gegen den Materialismus ein Etappensieg der Gegenaufklärung. Wer die Aufklärung malträtiert, wird Aufkläricht ernten. So konnte der 11. September nur den Abgrund an Aufklärungsverrat eröffnen, der in puncto Israel seine schwärzeste Tiefe erreicht.

Schon das gefällige, notdürftig geduldete Subsistenz verheißende Versprechen vom »Existenzrecht«, dessen sich, allerdings zu kritisch-solidarischen Bedingungen, das israelische Staatsungetüm erfreuen dürfe, zeigt, dass man es bei der Linken mit der juristischen Weltanschauung hält und verweist darauf, was Friedrich Engels den typisch deutschen »Juristensozialismus« nannte. So ist Oliver Tolmein der Ansicht, »noch immer (steht) das Geschehen (des 11. September) weitgehend frei im Raum« als Tat ohne Zeichen, Täter ohne Programm, zugleich weiß er präzise, was die amerikanische »Abkehr von einem freiheitlichen Staatsrecht« (Jungle World, 35/02) bedeutet, den Verrat nämlich an den Idealen, die der Staat der kritischen Justiz zu verkörpern hat.

Irgendwie verhält es sich mit der Bedeutung des 11. September wie mit der des Nazifaschismus. Der Sinn der Veranstaltung erschloss sich erst, als Hitlers Tagebücher publik wurden, als der deutschen Untat zum Signifikanten verholfen wurde und dem kruden Faktum zur Deutung. Die Dialektik der Gegenaufklärung mündet darin, dass die Linke sich einer Spökenkiekerei ergibt, der jeder Anlass recht ist, auch der 11. September. Es bedarf nur einer kleinen Prise Idiosynkrasie, um auf den bestimmten Verdacht zu kommen, diese deutsche Linke sei die beste, die Nazis sich wünschen können.

Joachim Bruhn ist Co-Autor des Buches »Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie«, das im Oktober in erweiterter Auflage bei ça ira erscheint.

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